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Allgerechter Gott, der Du der Herrscher der Welt bist, Du bist auch der König aller Völker auf Erden und der allweise Leiter ihrer Schicksale. Dein Wille ist es, wenn sie emporblühen; Dein Wille ist es, wenn sie vergehen; ihr Leben und ihr Wirken ist vorgezeichnet im Plane Deiner Weltregierung. Voll Wehmut richte ich heute meinen Blick auf die Vorzeit meines Volkes, voll Ernst und Andacht betrachte ich die wechselvollen Schicksale Israels, und voll des Dankes schaue ich auf seine Gegenwart.
Ja Wehmut und Trauer erfüllen mich, wenn ich der Vorzeit meines Volkes mich erinnere, wenn ich all' die verlorene Herrlichkeit vor mein Auge führe, die einst der Anteil Deiner Lieblinge war. Finsternis und Irrwahn erfüllten die Welt, sinnloser Götzendienst umstrickte den Geist der Heiden, als in Israel allein das Licht der Erkenntnis Deines heiligen Namens hell leuchtete, die Lehre der Wahrheit sein Gesetz war, und die Gebete des Volkes und seine Lieder, sein Weihrauch und seine Opfer geweihet waren dem Höchsten, dem Einzigen. Da war der Tempel zu Jerusalem der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der geheiligte und heiligende Mittelpunkt der Gemeinschaft Deines Volkes und das froh gesuchte Ziel ihrer Wallfahrt. Herrlich und gesegnet waren die Fluren des Landes Israel, sichtbar waltete Deine Gnade über seinen Bewohnern. Fromme Priester eiferten in Deinem Dienste, und von Deinem Geiste erleuchtete Propheten verkündeten laut das Wort der Wahrheit. Aber ach! sie sprachen auch von dem Verfall des Glaubens und der Sitten, von Deinem Zorne, von Deiner Strafe und von den trüben Tagen der Zukunft. Und diese bösen Tage sind hereingebrochen; das Volk ist abgewichen von Deiner Lehre, das Anrecht auf Deine Gnade ging verloren. Der Feind tobte gegen Land und Volk, die Edelsten und Besten vernichtete das Schwert, die Flamme verzehrte den heiligen Tempel und der Rest des Volkes mußte hinwandern in alle Welt. Ihr Los war Heimatlosigkeit und Zerstreuung unter die Völker der Erde.
Wechselvoll, unheilvoll und wunderbar zugleich waren seitdem die Schicksale der Zerstreuten. Arm und elend, machtlos und hilflos irrten sie vereinzelt umher in der weiten Welt, nichts mit sich nehmend aus dem Lande ihrer Heimat, als die Liebe zu Gott im Herzen und die unvergängliche, von Geschlecht zu Geschlecht fortlebende, glühende Sehnsucht nach dem Lande Israel, nach dem längst verblichenen Glanze ehemaliger Herrlichkeit. Und wo im fremden Lande ein friedliches Plätzchen sich ihnen darbot, da schlugen sie ihre Zelte auf, wie das Zelt eines Wandernden, nicht wie das Haus dessen, der eine Heimat sich gründet. Doch das Bedürfnis, Gott dem Herrn zu dienen, vereinigt zu ihm zu beten, und Glauben und Sitte der Väter treu zu bewahren, vereinte die einzelnen zu Gemeinden, zu tausend und abertausend Gemeinden, und nur ein einziges Band schlang sich um alle; das Band gemeinsamen Unglücks und gemeinsamer Hoffnung. Überall und überall, in unbedeutender Minderzahl, in der Mitte mächtiger, feindlicher Nationen, stürmte tausendfältige Bosheit vernunftloser Dränger gegen sie heran. Der Spott bespritzte sie mit seinem Geifer, die Habsucht riß das Brot aus ihrer Hand, der Mutwille hetzte sie wie scheues Wild, Stolz und Übermacht erniedrigten sie zur Knechtschaft, die Bürger der Staaten stießen sie aus ihrer Gemeinschaft, und der blinde Eifer abergläubischer Widersacher verfolgte sie ihres Glaubens willen mit Feuer und Schwert. So ging es durch die Jahrhunderte. So war es aller Orten.
Mächtige Völker, vereinigt unter mächtigen Herrschern, sind während dieser Zeit entstanden und untergegangen. Ihre Spur ist von der Erde vertilgt, ihre Erinnerung ist wie vom Winde verweht. Selbst das mächtigste aller Reiche, das Reich, das Judäa vernichtete, ist längst dahin. Aber Israel, das schwache, kleine, schutzlose und verfolgte, ist nicht untergegangen. Das war die Wundermacht des göttlichen Willens. Mehr als Gewalt und Drangsal droheten Verführung und Verlockung den Bekennern meines Glaubens, sie abzuführen von der Lehre Gottes, von dem Wege der Väter. Sie ließen sich ins Elend führen, aber nicht auf Abwege, sie stürzten sich ins Unglück, aber nicht in die Schlinge der Versuchung, sie gingen in den Tod, aber nicht in die Gemeinschaft der Glücklichen, die liebkosend sie aufzunehmen bereit war für den Preis ihres Glaubens.
Und wohin hat bis heutigentages dieses wunderbare Schicksale uns geführt? O wahrlich! nicht zur Hoffnungslosigkeit, nicht zur Entmutigung. Wir haben es eingesehen, daß die Hand Gottes uns geführt hat, wir haben es eingesehen, daß nicht Macht und Herrschaft unter den Völkern das Ziel ist, das Gott unserem Wandel bestimmt hat eine Macht des Geistes zu sein, als Träger der reinen Gotterkenntnis voranzuziehen den Geschlechtern auf der Erde, bis aller Wahn und aller Irrglaube geschwunden sein wird unter den Menschen, bis alle sich vereinigen werden in dem Bekenntnis Israels: Der Herr ist Gott, der Herr ist einzig!
Siehe da, mein Geist! Schon tagt der Morgen! Die Nacht unserer Trübsal beginnt zu sinken. Die grellen Flammen sind erloschen, die unsere Edlen verzehrten, und das Licht der Menschenliebe und Menschenachtung leuchtet freundlich. Das Schwert des Mordes hängt nicht mehr über unserm Haupte, aber das Schwert der Wahrheit ist zum Kampfe erhoben in der Hand unserer Besten. Unsere Nachbarn sind nicht mehr unsere Feinde, sie sind unsere Genossen auf dem Wege zum Licht und zum Recht. Die Sehnsucht nach dem Jerusalem des Morgenlandes ist innig verknüpft mit der Liebe zu dem Vaterlande, in dem wir geboren sind. Dabei ist die Hoffnung auf ein gemeinschaftliches Jerusalem keineswegs erloschen. Ein neuer Tempel des Friedens wird dereinst erbaut werden, in dem alle Menschen zum Dienste des Herrn sich vereinigen werden.
Und dafür meinen Preis und Dank Dir, höchster Gott! Dir, Herr des Himmels und der Erde, Dir, Lenker der Völker und ihrer Schicksale! Wir haben Dich nicht verlassen, wir haben Deine Lehre nicht vertauscht. Darum bist Du unser Helfer gewesen und Deine Lehre unser Schutz in den Zeiten der Not.
Fern sind wir noch davon, den heutigen Tag trauriger Erinnerung verwandeln zu können in einen Tag der Freude. Aber die Trauer ist milder geworden, sie ist in Wehmut verwandelt, und mit dem Schmerze um das verlorene Zion dürfen wir den Dank verbinden für Deine wunderbaren Taten, die uns aufrechterhalten haben in den Ländern einstiger Verbannung. Wir können hoffen auf ein neues herrliches Zion im Reiche der Erkenntnis, des Glaubens und der Sitte. O bringe uns denselben immer näher, und laß' uns alle beitragen zur Verherrlichung Deines Namens auf Erden. Amen!
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