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Gebet einer Verwaisten.
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Einsam und verlassen, himmlischer Vater, stehe ich da in der weiten, weiten Welt! Was ist die Güte befreundeter Menschen, was ist die Freundlichkeit der Anverwandten! Ach, sie gleichen einem blassen Scheine, verglichen mit dem strahlenden Lichte elterlicher Liebe. Den lieblichen Schimmer dieses Lichtes muß ich entbehren und bin noch so jung, so unerfahren, den rechten Weg allein zu finden. Ich muß im Finstern wandeln. Doch „wall ich auch im Tal der düstern Schatten, so wall ich ohne Furcht, denn Du begleitest mich, Dein Stab und Deine Stütze sind immerdar mein Trost!“
Vater und Mutter ruhen aus von den Beschwerden des Erdenlebens nun schon im Grabe, nur ihr Geist ist es, der mir nahe geblieben ist, ihr Andenken allein begleitet mich, ihre Liebe ist nicht geschwunden und hält mich wunderbar zurück, wenn die Verlockung des Unrechts mich reizen will, den Weg der Tugend zu verlassen.
Darin aber, himmlischer Vater, erkenne ich dankbar Deine Liebe, daran merke ich es, daß, „wenn auch Vater und Mutter mich verlassen haben, so hast Du mich aufgenommen“.
O, gib, daß es immer also sei! Laß das Andenken an meine im Reiche der Seligkeit weilenden Eltern nimmer aus meinem Herzen schwinden. Es tröste mich, wenn ich verzagen will, und rufe mir zu: Fürchte nicht! wir wachen über Dich. Es strafe mich mit den Vorwürfen des Gewissens, wenn ich die weisen Lehren verlassen will, die meine guten Eltern mir eingeprägt, es erinnere mich an ihr würdiges Beispiel, wenn ich die Schönheit verkennen sollte, die ein edles Leben schmückt, es rüste mich allezeit mit Geduld und Stärke, auch die Mißhelligkeiten des Lebens zu ertragen.
O, laß auf diesem Wege mich die Einsicht gewinnen, deren ich so sehr bedarf, um die Bahn meines Wandels mir zu ebnen. Groß und mannigfach sind die Hindernisse, die sich mir entgegenstellen, und groß muß meine Kraft sein, sie zu beseitigen. Bald wird die Versuchung mich locken, weil sie glaubt, daß die leitende Hand mir fehle, bald wird falsche Teilnahme mich betören, weil das Herz einer Verwaisten jeder Teilnahme begierig vertraut, bald wird ungerechtes Mißtrauen gegen wahrhaft gute Menschen mich erfüllen, weil der Schwache überhaupt mißtrauisch wird, und es könnte auch, — o, laß es nicht zu, mein Gott! der Sinne Lust mich betören und auf den trügerischen Pfad des Wohllebens mich führen, weil kein Mensch ein Recht zu haben vermeint, mich mit Strenge, gegen meinen Willen auf gutem Gleise zu erhalten.
All diese Gefahren haben jugendliche Seelen nicht zu fürchten, die überwacht sind von den Augen liebender Eltern.
Bei alledem will ich jedoch kein Bangen und Zagen fühlen. Weiß ich doch ein Mittel, das auch mir Schutz gewährt. Es ist das inbrünstige Gebet. Das bringt mich nahe zu Dir, meinem Beschützer, der Du ein Vater der Verwaisten bist.