Du, der Du in Deiner heiligen Lehre den Menschen das Gebot gegeben hast: „Ihr sollt die Witwen und Waisen nicht bedrücken, denn wenn sie zu mir rufen werden, so werde ich ihre Stimme hören,“ Du wirst auch meine Stimme hören und mein Gebet wohlgefällig aufnehmen. Amen!

——————

Gebet einer Dienenden.

———

Gütiger Gott! Dank und Bitte will ich vereinigen mit Lob und Preis, wenn ich im Gebet in stiller Stunde mein Herz zu Dir erhebe. Ja, ich danke Dir aus dem Grunde meines Herzens für die Gaben Deiner Liebe, mit welchen Du mich gesegnet hast, für die Freuden, die den Reichen und Begüterten unbekannt bleiben müssen, weil sie die Empfindungen der Armen nicht kennen, weil sie tausend Dinge als gewöhnlich und kaum bemerkenswert hinnehmen, die besser geeignet sind, das Herz mit Zufriedenheit zu erfüllen als alles Wohlleben und aller Genuß zeitlicher Güter des Glückes. Dank Dir, mein Gott! daß Du meinem Geiste redlichen Willen und meinen Armen rüstige Kraft gegeben hast, in unermüdeter Arbeit mein tägliches Brot mir zu erwerben. Dank Dir, mein Gott! für die Süßigkeit, die jede Stunde der Erholung mir bringt. Und wenn ich hinschaue auf viele andere, denen gleich mir die Güter der Erde in reicherer Fülle versagt sind, wenn ich so viele unter ihnen bemerke, die nicht die Kraft besitzen, der Versuchung zu widerstehen, und die der Sünde und Niedrigkeit anheimfallen, und die, welche nur deshalb darben müssen, weil schlechte Erziehung oder körperliche Fehler sie unangenehm machen in den Augen der Menschen, auch die, welche, gefangen von den Banden körperlicher Gebrechen, vom Mitleid der Menschen leben müssen und nicht von dem Lohne für ihre Leistung, ach, dann ist zwar mein Herz betrübt, wenn ich auf sie blicke, aber es jubelt im Danke vor Dir auf, wenn ich mich selbst betrachte. Und wenn mein Tagewerk mir gelingt, wenn ich denen, so ich diene, das Geständnis der Zufriedenheit abnötige, ach, dann fehlt meiner Eitelkeit auch nicht der Schmuck des Stolzes, und Du, o Herr, vergibst und vergönnst mir ihn, weil er mich nicht zum Bösen führt.

Aber, lieber, gütiger Gott! auch bittend muß ich an Dich mich wenden, und der Gegenstand meiner Bitte ist vor allen Dingen die Erhaltung alles dessen, wofür mein Herz Dir eben dankte. O, laß mich nicht krank und hilflos werden, daß ich nicht leben muß von den Gaben der Menschengüte, sondern mich immer erhalten kann von den Gaben Deiner Gnade, die ich durch meinen Fleiß mir erwerbe. Bewahre mich aber auch immerdar vor der giftigen Schlange der Versuchung. Sie umschleicht den Armen von allen Seiten, und nur ein standhaftes Gemüt vermag ihr zu widerstehen.

Wie ist es oft so verführerisch, die Hand auszustrecken nach ungerechtem Gute, um nur ein Weniges, ein Unmerkliches zu genießen von dem Überfluß anderer! Wie oft empört der Undank für redliche Mühe mein Herz und die Stimme der Versuchung flüstert mir zu, daß ich künftig in meiner Arbeit nur dem Scheine genügen soll! Wie oft behandelt der Hochmut mich verächtlich, und ein böser Geist in mir will mich die Glücklichen hassen lehren! Wie oft muß ich unschuldige Wünsche meines Herzens unterdrücken, weil mir die Mittel fehlen, sie zu befriedigen, und das Laster winkt mir heuchlerisch und verspricht mir reichen Lohn, wenn ich ihm diene. Ach! das alles macht das Leben einer Dienenden schwer und gefahrvoll, und nur des Herzens Frömmigkeit und die unerschütterliche Liebe zu Gott zeigt ihr den rechten Weg. Laß, gütiger Gott! mich immer ihn finden. Vor Dir sind ja alle Menschen gleich. Du beachtest nicht den Grad des Standes und der Erdengüter.

Und wie ich Dir danke, und wie ich zu Dir bete, so will auch ich Dich preisen. Du, gütiger Vater, warst es, der das Auge der Menschen geöffnet hat, daß sie in ihren Nebenmenschen den Menschen achten. Wie schrecklich muß die Zeit gewesen sein, da auch bei den gebildeten Völkern der Sklave nicht abhing von weisen Gesetzen des Staates, sondern von der Willkür seines Herrn. Ich diene, weil ich dienen will, und weil ich es für nötig halte, und bin frei, sobald ich die Notwendigkeit nicht mehr anerkenne. Ich bin nicht der Willkür dessen preisgegeben, der mich bedrücken kann, ich habe mich der Arbeit unterworfen, aber kann den Herrn mir wählen. Solche Zustände hast Du geschaffen. Du bist ein Vater aller Menschen, auch mein Vater, den ich liebe, auf den ich vertraue, und den ich preisen will in allen Tagen meines Lebens. Amen!

——————

Gebet für die Eltern in der Ferne.