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Am Grabe der Geschwister, Großeltern, Schwiegereltern und anderer Verwandten.

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Ich sehe dich nicht mehr mit leiblichem Auge, Du, dessen (deren) Nähe mich und alle, die zu uns gehören, so oft erquickte. Du bist dem Kreise der Unsrigen entrückt, und schmerzlich vermissen wir dich. Wir sind um vieles ärmer geworden durch deinen Verlust, ärmer geworden an Lebensfrische, ärmer an den Beweisen deiner Liebe. Du hast überall Freundlichkeit hingetragen, für alle Angehörigen einen Blick der Liebe gehabt. Und dein Wort, es erfrischte und erquickte. Nun du fehlest, da fühlen wir erst recht, was du gewesen bist, wie du das Band so eng geknüpft, wie du heilsam gewirkt, wie du die Liebe gepflegt hast. Mein Herz ist tief betrübt; nur dein kühles Grab kann ich umfassen, ich breite die Arme nach dir aus, sie können dich nicht umfangen. So zieht einer nach dem andern hin, der Kreis wird gelichtet, doch setzen auch neue Äste sich an, wenn nur der Stamm ein gesunder ist. So will auch ich denn in deinen Wegen gehen, ich will die Zurückgebliebenen mit treuer Liebe umfassen, in der Erinnerung an dich, liebe, abgeschiedene Seele, wollen wir uns enger aneinander schließen, und meinem Geiste und Herzen will ich die edlen Saaten zu entlocken suchen, die bei dir so schön aufgegangen waren. Ich will des Lebens Prüfung mit starkem Mute tragen, auf daß ich den unsrigen mit tröstender Kraft vorangehe. Des Lebens Wert besteht in tätiger Liebe, nicht in der Klage um das unwiederbringlich Dahingegangene. In unserm Streben wirst auch du fortleben und in unserm Herzen ist dir eine sicherere Stätte bereitet als die, welche deine Gebeine umschließt. Deine Heimat ist nun im Gottesreiche, und im Kreise verwandter Seelen möge dein Heil wahrhaft erblühen.

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Am Grabe eines Freundes oder einer Freundin.

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Wir hatten einander im Leben gefunden, liebe, verklärte Seele, und ein enges Band war zwischen uns geknüpft. Nicht Fleisch und Blut, nein! dein Geist und dein Herz haben mich zu dir hingezogen, und je tiefer ich in dein Inneres eindrang, je mehr die Tiefen deiner Seele vor mir sich enthüllten, um so mehr lernte ich dich lieben und achten. Der Umgang mit gleichgestimmten Seelen ist die erhebendste geistige Nahrung, das fühlte ich in deinem Umgange, in den heitern und den ernsten Gesprächen, die wir miteinander führten. Deine Klarheit, deine liebevolle Teilnahme belehrten und erquickten mich; dein edler Sinn verlieh auch mir den Aufschwung zum Höhern und Bessern. Habe Dank, du liebe Seele, für deine Freundlichkeit, habe Dank, für die Stunden höheren Genusses, die du mir bereitet, für die Vorahnung eines schönern geistigen Daseins, die du in mir geweckt und bestärkt hast. Die Ahnung, sie ist dir nun zur Klarheit geworden; ich aber soll weiter im Kampfe des Lebens stehen, ohne deine Stütze, ohne deinen ermahnenden und beschwichtigenden Zuspruch. Schwer ist es, einen solchen Verlust zu ertragen. Das seltene Gut wahrer Freundschaft wird nicht so leicht ersetzt. Die Empfänglichkeit des Herzens nimmt ab, der Einklang der Seelen wird schwerer gefunden. Doch mir bleibt die Erinnerung an dich. Bei jedem Schritte des Lebens, bei jedem Gedanken und Gefühle, da seiest du mein Führer und mein Richtmaß. Immer werde ich mich fragen: wie würde dein Freund (deine Freundin) hier geurteilt, wie geraten, wie gehandelt haben? Und in unsichtbarem Verkehre mit dir werde ich mich läutern und veredeln, um deiner stets würdig zu bleiben. So lebe nochmals wohl, teure Seele, bis auch ich einst zu dir komme. Ja, wir vereinigen uns wieder im großen Vaterhause. Was aus dem Geiste entsprungen ist, das ist ewig, was die Liebe zart gewunden hat, das ist unauflöslich. Es ist der Erde gegeben, was der Erde entstammt; aber gehörtest du der Erde ganz an, daß du zu ihr wieder werden könntest? War das Aufblitzen deines Auges, wenn ein schöner Gedanke dich durchleuchtete, irdisch? War der innige Blick, der dich bei teilnehmender Hingebung verklärte, ein Werk des Staubes? Nein, das lebt fort an dir, lebt schöner, freier. So lebe wohl im Umgange mit höhern Geistern. Deine Liebe wird auch jetzt noch mich umschweben, dein Geist aber in Klarheit die lichten Bahnen der Ewigkeit durchwandern, und himmlische Freuden mögen dich erquicken!

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Am Grabe eines Wohltäters oder einer Wohltäterin.