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Viel verdanke ich dir, und deines teilnehmenden Wirkens für mich werde ich nie vergessen. Ich stehe an deinem Grabe und bete für dich aus der Tiefe meines Herzens. Mein leibliches und mein geistiges Wohl hast du gefördert, weil du als Mensch den Menschen liebtest, nicht um meines Verdienstes willen. Aus der Saat der Liebe da sprießen Garben hervor, die du dort einsammeln wirst. Schwach ist mein Dank, was kann ich für den reinen Geist tun? Nur ein ehrendes Andenken bleibt mir, das will ich bewahren; dein Werk nach Kräften fortsetzen, in deinen Wegen der Güte wandeln, das sei mein Dank, der dir am meisten wohlgefällt. Dort aber wirst einen schöneren Lohn du empfangen: „Vor dir her wandelt deine Frömmigkeit, die Herrlichkeit Gottes nimmt dich auf.“
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Am Grabe eines Lehrers oder einer Lehrerin.
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Meinem Geiste bist du, als er noch unentwickelt war, ein redlicher Führer (eine redliche Führerin) gewesen, meinem Herzen hast du die Richtung gegeben. Nun erst erkenne ich es recht, was dein liebevoller Ernst von mir verlangt hat, was ich deinem Wirken schulde. Nimm, verklärter Geist, den Dank des Geistes an, der in dir seine Nahrung gefunden hat; du warst der Quell, der mich befruchtet hat; der Quell versieget nicht, wenn er auch meinem leiblichen Auge sich entzieht. Ob ich immer deinen Wünschen entsprochen habe? Ob deine Lehren eine fruchtbare Stätte bei mir gefunden haben, es sei mein redlich Streben, deine würdige Schülerin heißen zu dürfen. — Schon hier war dein Leben einem höheren Ziele zugewandt, du hast es erreicht; des Lebens Mühsal ist geschwunden, des Geistes freudige Klarheit, nach der du so ernst gerungen, sie ist dein Lohn. Was Menschen nicht belohnen können, oft auch nicht belohnen wollen, das wägt Gott auf gerechter Wage, und seine Liebe wird dort dich beglücken!
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Am Grabe bedeutender Menschen.
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Du weilest nicht mehr unter uns, aber die Spuren deines Wirkens sind tief eingegraben und sprießen vielfach hervor: du bist noch unter uns mit deinem bessern Anteile. An deinem Grabe lerne ich es und wird es mir zur unzweideutigen Gewißheit: es ist nicht alles eitel und vergänglich. Die Taten deines Geistes, deiner edlen Natur leben fort und erquicken viele, die dich nicht geschaut haben mit leiblichem Auge, die, ach, vielleicht kaum ahnen, daß sie dir reiche Nahrung des Geistes und des Herzens zu danken haben. In dem Menschen, der über die Gewöhnlichkeit sich erhebt, da erkennen wir erst das Göttliche, da ist Gott uns nahe. Nicht mit Schmerz stehe ich an deinem Grabe, die Vernichtung hat nur deine Hülle getroffen. Hier fühle ich mich gehoben, denn ich lerne den Menschen in seiner Würde kennen und ehren; neben der Demut, die mich erfüllt, ob meiner eignen Schwäche, gewinne ich doch auch Kraft, um zum Ziele wahrer Menschenbildung mich hinanzuringen. Der Geist, der hier schon die Unendlichkeit in sich getragen hat, ihm ist wohl in den Räumen der Ewigkeit; dort fühlst du dich heimisch, du begrüßest alle Edlen, du lebst in Gott, bei dem da ist des Lebens Quelle, in dessen Licht du Licht schaust.