Maskir-Betrachtung[[5]].
הזכּרה.
[5] Maskir-Betrachtung für den Versöhnungstag siehe [S. 136].
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„Friede, Friede den Fernen und den Nahen“. Unsagbar wehmütig und doch wieder beruhigend zieht die sanfte Melodie dieser Worte jetzt durch unser Gemüt, wo wir der Seligen gedenken, die uns einst nahe waren und jetzt ferne sind. Ist es Verzagtheit was wir empfinden, ist es Todesangst oder Todessehnsucht; ist es Lebensschwäche oder Lebensfreude, was in uns so große Empfindungen erweckt? Ein Gedanke ist es sicher, der sich mit unabweisbarer Macht in uns regt und uns gefangen hält: „Was ist der Mensch, daß Du, o Gott, seiner gedenkest; der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest?“ Wozu hast Du uns ins Leben gerufen? Ist unser Ziel und Zweck das Grab; wozu das Leben? wozu, wenn neben der Wiege die Grube ist, Geburt und Tod rauh und hart aneinanderstoßen? Als der Ewige, so erzählt eine alte Sage, die Welt und in ihr den Menschen zu schaffen sich anschickte, erhob sich Widerspruch in den Scharen der Engel. „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst?“, so fragten sie höhnisch. Was willst Du mit diesem gebrechlichen Gebilde? Lasse es Dir an den himmlischen Wesen, den Monden, Sonnen und Gestirnen, an den irdischen Wesen der Pflanzen und Tiere genügen. „Ich will ein weises Geschöpf; ein freies Gebilde will ich in meine Welt versetzen, das sie besitzen, beherrschen soll“. Und er führte alle Wesen dem neugeschaffenen Menschen vor. In tieferkennender Weisheit gab dieser allen belebten und unbelebten Wesen treffende Namen. Da verstummte der Engel Widerspruch. Und als Gott den Menschen die Thora geben wollte, murrten die himmlischen Geschöpfe und sagten: „Wie, das Werk Deines erhabenen Geistes überlieferst Du der Willkür dieser armseligen, nichtigen Gebilde?“ „Wer bestätigt und betätigt der Thora Inhalt,“ fragte der Ewige; „etwa ihr in den ewiggleichen Sphären des Himmelreiches? Wer bekundet Gottesverehrung, Elternliebe; wer führt den Kampf mit dem Leben, den Kampf mit den Trieben, wie gerade der Mensch? Seid ihr Versuchungen preisgegeben wie er? Naht euch die Verführerstimme wie ihm? Pocht auch im Herzen die Begierde wie ihm? Führt ihr ein Leben der Mühsal und Arbeit wie er?“ Die Engel verstummten und sangen: „Wie gewaltig ist Dein Name auf der ganzen Erde“. Und als die Seele des Moses in die hohen Hallen des Himmels getragen wurde, um vor Gottes Thron zu erscheinen, betrachteten die Engel den Eindringling neidisch und riefen: „Was ist dieser Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?“ Wie wagt es dieser Rest eines Irdischen in göttlichen Kreis zu treten? Gott aber breitete die Hand über die scheu zurückweichende Moses-Seele und forderte sie auf, Antwort und Rede zu stehen auf die Frage: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest“. Voll Würde und Weisheit sprach sie: Es steht geschrieben: „Ich bin der Ewige, Dein Gott“. Würde Gott verehrt, wenn ich nicht der Mittler seiner Lehre wäre? Wie; sollte der Allgütige mich vergeblich zu seinem Boten erkoren haben, seinem erwählten Volke den höchsten Gedanken zu überbringen und es zum Lehrmeister der Welt zu machen? Und siehe; wieder verstummten die Engel und riefen: „Gott, unser Herr, wie mächtig ist Dein Name auf der ganzen Erde.“ — — — —
Das ganze Rätsel der Schöpfung liegt hier zur Lösung vor. Niederdrückend und gewaltig ist der Weltenbau. Geheimnisvoll ist der Plan, und nur schwach vermag des Menschen Geist einzudringen. Aber der Denker erhebt sich zu kühnstem Fluge; dem Bergmann gleich, steigt er auch hinab in die Schächte grabenden Wissens, hebt das Gold der Erkenntnis. Er verfolgt des Schöpfers Gedanken; prüft, wägt, misset, urteilt, vergleicht, verwirft, lobt, tadelt, zersetzt. So greift er kühn in den Bauplan, blickt zum gestirnten Himmel, findet auch da nicht Ruhe, noch Rast; er rechnet, sinnt und grübelt über Bahnen und Wege der Sterne. „Wie gewaltig ist Dein Name auf der Erde, der Du Deine Allmacht im Himmel gezeigt hast“. Er erforscht Geschichte und Ursprung des Menschen; er spricht, schreibt über Lieben und Hassen, Tugend und Laster, Jugend und Alter, Mann und Weib, Mut und Feigheit, Menschenglück und Menschenunheil, Krieg und Frieden, Geburt und Tod. Und vollgesogen und erfüllt von Weisheit schließt er seine Rechnung und findet: „Der Mund der Lallenden und Säuglinge begründet Deine Macht“. Dein Wunderreich sehe ich wirksam in dem unmündigen Kinde; wie es entsteht, wie der sprühende Funke des Abglanzes Deiner Herrlichkeit, die Seele, im Leibe wirkt und das unbeholfene Wesen zum weltbezwingenden Gedankenhelden emporgedeiht, zum welterstürmenden Eroberer. „Nur um geringes hast Du ihn Göttlichen nachgesetzt“; „das All warfst Du unter seine Füße“. — Wir sterben nicht; wir leben in unsren Taten. Ein Teil von uns ist unsterblich. Und wenn wir die goldene Frucht vom Baume der Erkenntnis pflücken, ist uns die Frucht vom Baume des ewigen Lebens wohl versagt; doch die Blüte haben wir erhalten, ihren Duft haben wir eingesogen in den sterblichen Leib als unsterbliche Seele. Wir fragen bange: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest?“ Er ist Dein Werk, o Herr! Zerschlägt der Künstler sein Gebilde? Zerstört der Gärtner seine Pflanzung? Zertrümmert der Weise seinen Gedankenbau? Tötest Du, o Herr, im Tode, alles, alles? Er ist Dein Kind, Du Vater der Welt. Wir sind sterblich, wir fühlen es. Wir sind unsterblich, wir empfinden es. Hast Du, Ewiger, ein Vergängliches geschaffen, dann muß es würdig gewesen sein, geschaffen zu werden. Wir fürchten das Ende nicht. Es steht vor uns als natürlicher Abschluß einer Ereigniskette.
Uns ängstigt die Schicksalsfrage nicht: „Wer ist der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst“. Der Frage klingt die Antwort entgegen: „Ich bin Dein Gott“. In der gedankenvollen Erinnerung an die Ahnen der Vorzeit, an die Großen in Israel und in der ganzen Welt, an die Teueren, die uns Väter, Mütter, Brüder, Schwestern waren, ist die Frage von selbst beantwortet. Ihr Leben war des Lebens wert. Spende auch uns segensreiches Leben, gedenke der Nahen, der Sterblichen, die Du zum Leben geschaffen; der Fernen, der Entschlafenen, Seligen gedenke. Gib uns Mut zum Leben, Mut zum Sterben.
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Gesang.
יְיָ־מָה אָדָם וַתֵּדָעֵהוּ בֶּן־אֱנוֹשׁ וַתְּחַשְּׁבֵהוּ׃ אָדָם לַהֶבֶל דָּמָה יָמָיו כְּצֵל עוֹבֵר׃ וַתְּחַסְּרֵהוּ מְּעַט מֵאֱלֹהִים, וְכָבוֹד וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ׃ כִּי־יָדַעְתִּי מָוֶת תְּשִׁיבֵנִי, וּבֵית מוֹעֵד לְכָל־חָי׃ רוּחַ־אֵל עָשָׂתְנִי, וְנִשְׁמַת שַׁדַּי תְּחַיֵּנִי׃ וְיָשֹׁב הֶעָפָר עַל־הָאָרֶץ כְּשֶׁהָיָה וְהָרוּחַ תָּשׁוּב אֶל־הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר נְתָנָהּ׃ גַּם כִּי־אֵלֵךְ בְּגֵיא צַלְמָוֶת לֹא־אִירָא רָע כִּי־אַתָּה עִמָּדִי שִׁבְטְךָ וּמִשְׁעַנְתֶּךָ הֵמָּה יְנַחֲמֻנִי׃ אֲנִי בְּצֶדֶק אֶחֱזֶה פָנֶיךָ אֶשְׂבְּעָה בְהָקִיץ תְּמוּנָתֶךָ׃