Herr, was ist der Mensch, daß Du Dich seiner annimmst? der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest? Der Mensch einem Hauche gleich, seine Tage — dem Schatten, der dahinzieht (Ps. 144, 3. 4.)! Und Du hast ihn göttlichen Wesen wenig nachgesetzt, mit Würde und Hoheit krönst Du ihn (Ps. 8, 6.). Wohl weiß ich, Du führst zum Tode mich, heim ins Sammelhaus für alles Lebende (Hiob 30, 23.). Doch Gottes Geist hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen belebet mich (Hiob 33, 4.). Und kehrt der Staub zur Erde zurück, wie er gewesen, so kehrt der Geist zu Gott zurück, der ihn gegeben (Pred. Sal. 12, 7.). Und wall' ich auch im finstern Tale, nicht fürcht' ich Böses! denn Du bist bei mir; Dein Stab und Deine Stütze, sie trösten mich (Ps. 23, 4.). Ich werde in Tugend Dein Antlitz schauen, erwachend mich freuen Deines Anblickes (Ps. 17, 15.).

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Der Rabbiner.

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Unerforschlicher, großer Gott! In Deinem Ebenbilde hast Du den Menschen geschaffen, ihm den Geist verliehen, welcher der Vollendung entgegenstrebt. Diese Erde aber hast Du ihm angewiesen, damit der Mensch auf ihr sich läutere und in Deinem Sinne wirke; und wenn Deine Weisheit es für gut findet, rufst Du ihn ab, und der Körper wird der Erde zurückgegeben. Doch der Geist ist ewig, er stirbt nicht; die Seele kehrt zu Dir zurück und lebt rein in Deinem Heiligtume. Lässest Du ja, Herr, keine Kraft vergeh'n, die Deinem großen Weltalle Du eingesenkt hast: wohl wechseln Formen und Gestalten, aber die Kraft, welche sie erzeugt und trägt, sie schafft und wirkt ewig. Und der menschliche Geist, diese wunderbar wirkende, unsichtbare Kraft, die uns denken lehrt und Selbstbewußtsein gibt, sie sollte plötzlich abgeschnitten werden? Nein, wir zagen nicht vor dem Tode, denn unser edler Teil dauert fort; wir scheiden aus diesem Leben, um in ein besseres einzugehen. Wird auch manches Band, das hienieden eng geknüpft war, gelöst, dort oben werden wir uns wieder in Deinem Reiche vereinigen. Darum wollen wir auch heute mit Ruhe und Ergebung der Lieben und Teuren gedenken, die uns vorangegangen sind in die ewige Heimat; wir danken Dir, Herr, daß Du uns an ihrer Liebe erquickt hast, und die Erinnerung an ihr Wohlwollen gegen uns soll aus unsern Herzen nimmer schwinden. Es gedenken die Kinder der Treue und Hingebung, mit der die Pfleger und Hüter ihrer Kindheit für sie bedacht und besorgt waren, wie sie für sie gelebt und gelitten haben, wie sie mit weisem Rate, mit Lehre, Trost und Beispiel ihnen vorgegangen sind, sie in Deinen Wegen, Gott, geleitet, ihnen ihren Segen hinterlassen haben, der bis auf den heutigen Tag sich an ihnen bewährt. Es gedenken Gatten und Gattinnen des, ach! zu früh gelösten Bundes, den sie vor Dir, o Gott geschlossen und den sie heilig und treu gehütet haben, solange es Deiner Weisheit gefallen hat, sie in der engsten Gemeinschaft des Lebens hier zusammen weilen zu lassen. Die Erinnerung liebender Zärtlichkeit und treuer Innigkeit, an der sie in den mannigfachen Lebensgeschicken festgehalten haben, erfüllt ihnen noch heute erhebend und herzerquickend die Seele. Auch der teuren Pfänder gedenken die Eltern, welche Du ihnen, o Gott, anvertraut hattest. Sie haben an ihrer Freundlichkeit und dankbaren Liebe sich erquickt, in ihrer Entwicklung sich mitverjüngt und freudig der Erfüllung schöner Hoffnungen durch sie in der Zukunft entgegengesehen, und wieder steht heute das Bild der Frühvollendeten vor dem Auge derer, denen sie vorangegangen sind in die Ewigkeit. Wir gedenken, Herr, alle Männer und Frauen, die mit freundlich mildem Blicke auf uns geschaut haben, die durch ihre Liebe uns gefördert, das Gotteslicht in uns angezündet, uns die Wahrheit haben erkennen lassen, uns im Glauben gestärkt, die Sorgen des Lebens uns erleichtert und unsere Bahn geebnet haben. Wir ehren und segnen ihr Andenken in dieser Stunde; gib, Gott, daß es auch an uns gesegnet sei, daß es zu allem Guten und Dir Wohlgefälligen uns erwecke, uns ermutige, uns Kraft und Ausdauer verleihe, daß der Segen, mit dem sie von uns geschieden sind, sich zu unserm Heile an uns bemühte, daß wir ihre Lehre und ihr Beispiel in kindlicher Erinnerung bewahren, ihr Werk fördern, ihren Namen in Ehren halten, ihrer stets würdig befunden werden; auf daß sie aus Deinem Himmelreiche in Freundlichkeit auf uns herabschauen, die Segnungen des Lebens für uns erbitten, wie wir für ihr ewiges Seelenheil beten!

Nicht alle sind vollendet in Dein Reich eingetreten, kein Frommer ist auf Erden, der nicht der Sünde Raum gäbe in seinem Herzen und in seinem Wandel. Doch Dein Erbarmen, Herr, wird den Fehl ablöschen und dem schwachen Sterblichen eine gnadenvolle Versöhnung gewähren. Laß unsere Bitte für sie Erhörung bei Dir, barmherziger Gott, finden! Viele auch sind frühzeitig von uns geschieden, ehe sie zu voller Entwicklung gelangten, ehe sie durch ihr Wirken sich Deiner Gnade würdig machen konnten; nimm sie, die Schuldlosen, in Dein ewiges Reich auf! Sie haben die Prüfungen des Lebens nicht erfahren, aber Deine Huld wird sie dennoch dort beglücken. Uns aber, Allvater, wollest Du ein freudiges Wirken auf Erden verleihen, und wenn Du einst uns abrufest, so gib uns Kraft und Mut und eine gnadenvolle Aufnahme in die Ewigkeit. Amen! Amen!

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Die Gemeinde in stiller Andacht.

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Ich gedenke, Gott, vor Dir meiner Hingeschiedenen — in inniger Liebe. Gedenke auch Du ihrer in einer gnadenreichen Stunde. Gib ihnen einen hellen, lichten Himmelssitz, daß ihre Seele eingehe zur ewigen Ruhe, zur ewigen Freude, zur ewigen Seligkeit, und sie der Segnungen teilhaftig werden, die du den Frommen und Gerechten hast verheißen als ihren Gotteslohn für alles irdische Leid, das sie erlitten, für all ihr Sorgen, Streben und Bemühen. Gib Frieden den Verklärten; laß ihr innerstes Sehnen und Hoffen und Bangen bei Dir Erhörung und Gewährung finden um des Glaubens und der Liebe willen, mit der sie aus der Welt gegangen sind. Erhöre und verherrliche sie, Gott, in Deinem Himmelreiche, und laß auch mein Bitten und Beten erhört sein, um der innigen Liebe willen, mit der ich meines Herzens Opfer Dir gelobe und bringe. Amen! Ihr, meine Teuren, schauet aus eurem Himmel auf mich herab in Freundlichkeit und Liebe, so wie ihr mich angeschaut habt in Freundlichkeit, bevor euch Gott von mir und zu sich genommen hat. (Empfanget meinen Dank für eure väterliche und mütterliche Sorgfalt und Liebe und Treue, für eure Nachsicht und Milde, die ihr mir so mannigfach bewiesen habt. Vergebet mir, was ich an euch aus jugendlicher Unbesonnenheit je verschuldet und gesündigt habe.) Gedenket meiner vor Gott, betet für mich und für die Meinen alle, daß Gott mich schirme und bewahre vor jedem Leid. Und wenn ich selber abberufen werde und eingehe in meine ewige Ruhestätte, dann möge eure Liebe mich empfangen, mich einführen und geleiten in das Gottesreich der Wahrheit und des Friedens, auf daß ich Versöhnung und Vergebung finde für jede Sünde und Schwäche, Erhörung und Gewährung für all mein Wünschen und Hoffen, und mit euch der ewigen Seelenruhe und Freude teilhaftig werde. Amen!