Dasselbe.

(Aus dem Gebetbuche von Geiger.)

Mein Gott! Laß mich den Anfang und das Ende des kommenden Monats erleben in Kraft und Gesundheit! Sende mir (meinen Eltern) Deinen Beistand, daß ich (sie) an ihm für meine (ihre) Bedürfnisse zu sorgen vermag (vermögen) in Redlichkeit und Ehren! Halte fern von mir und den Meinigen Gefährdung und Beschämung! Mögen die Wünsche meines Herzens in ihm erfüllet werden, so sie Dir, o Herr, wohlgefallen. Dein Reich der Wahrheit und der Liebe werde im Laufe desselben gefördert, auf daß die Zeit der frohen Verheißung immer näher an uns heranrücke: Ein Vater im Himmel, eine Bruderfamilie auf Erden! Amen!

II. Gebete für die Freudenfeste.
שָׁלשׁ רְגָלִים

1. Das Passahfest.
.פֶּסַח

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Festbetrachtung am Passahfeste.

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„Also solltet ihr das Peßachopfer genießen: eure Lenden gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand.“

Die Stunde der Befreiung schlug. Zu Ende war die entwürdigende Sklavenarbeit in Mizrajim; tief atmete die Brust und hoffnungsfreudig blickte das ungetrübte Auge in eine glückliche Zukunft. Das rauhe Scheltwort grausamer Vögte war verstummt. Wie im Traume vernahm das neugeborene Volk die Heilsbotschaft von Gottes Rettung und Befreiung. Und auch uns klingt heute das Freiheitslied aus weiter, weiter Ferne entgegen, verkündet Gottes Kraft und Allmacht, Gottes Gnade und Güte. Andachterfüllt versenken wir uns in die Erinnerung an jenen großen Tag, an dem die befreiten Scharen Israels das Land der Knechtschaft verließen, die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand. Schutzengel beschied der Allgütige, wie unsere alten Lehrer melden, an jenem Tage für alle Zeiten und Schicksale der Geschichte, die wir zu erleben bestimmt gewesen sind. Dem Volke, das mit Glaubensmut umgürtet war und den frommen Pilgerstab in treuen Händen trug, sollten sich Völker und Geschlechter gerüstet entgegenstellen. Doch wir fürchteten nichts. Denn der Ewige sprach: „Ich rüste meinen Engel und gürte ihn mit goldenem Rüstzeug.“ Er stand schirmend an des Schilfsmeeres Ufern; er zog schützend durch die Schrecknisse der Wüste; er breitete seine Fittige über die Väter, als sie das verheißene Land betraten. Er begleitete Israel, das Land und Thron verloren, in die Verbannung; er zog mit den versprengten, trauerumhüllten, gramgebeugten Brüdern und Schwestern, die über zerstörte Heiligtümer heiße Tränen vergossen, hinaus in alle Welten bis an der Erde Enden. So „führtest Du das erlöste Volk in Deiner Gnade, leitest es durch Deine Kraft an Deine heilige Stätte.“ Und immer, wenn der verjüngende Strahl der Frühlingssonne die Keime zu lebendiger Triebkraft weckt, wenn die „Blütenboten im Lande gesehen und liebliche Vogelsänge vernommen werden“, gedenken wir der Befreiungstage und feiern freudeerfüllt das Überschreitungsfest Noch immer ist unsere Lende gegürtet, noch immer ist der alte, treue Stab in unsrer Hand. Er soll uns nie und nimmer entfallen. Noch haben wir nicht das Recht, den Schuhriemen zu lösen; wir sind noch nicht am Ziele unserer Weltenwanderung. Noch harrt ein Teil der Menschheit auf Erlösung durch den Glauben an den Einzigen; noch die ganze Menschheit auf die Befreiung aus dem Sklavendienst der Selbstsucht, des Hasses und des seelenerniedrigenden Kampfes um ein menschenwürdiges Leben. Wir stehen noch nicht auf dem geheiligten Erdreich anerkannter Menschenwürde aller Menschenbrüder. Die „Leiden Mizrajims“ sind allzumal noch nicht geheilt. Wir aber preisen Dich, Allgütiger, als den Erlöser. Du hast uns die Freiheit gegeben. Im ewig währender Dankbarkeit begehen wir dieses Fest der Befreiung; wir genießen das ungesäuerte Brot der Armut, das uns an Mizrajims Elend gemahnt und von den Leiden unsrer Ahnen erzählt; das Bitterkraut, das alte Not und gegenwärtige Entbehrung in Erinnerung bringt. Wir dürfen, können nicht vergessen; denn jeder Tag und jedes Fest ist uns der Zuruf: „Gedenke des Auszuges aus Mizrajim.“ So ist bis zu dieser Festesstunde unsere Lende festgegürtet geblieben; wir zweifeln nicht an Deiner Vorsehung und Güte; unser Fuß ist standhaft und dauernd auf dem Boden des Glaubens; unsere Hände halten den Stab fest, den Du in sie gedrückt hast. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ —