——————
2. Das Wochenfest.
שָׁבוּעוֹת
——————
Festbetrachtung am Wochenfeste.
———
„Gott der Herr ist meine Kraft, meinem Fuße verleiht er Behendigkeit, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln.“
So kündet das Prophetenwort am heutigen Tage die Größe und Bedeutung des Segens an, der uns in der Stunde zuteil geworden war, in der wir das heilige Gesetz, die Thora, empfingen. „Gott der Herr ist meine Kraft, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln“; das ist der Wahlspruch, der uns zur Selbstvollendung emporführt; das ist der Wegweiser zu sittlicher Vollkommenheit. Zunächst sind wir von der Vorsehung dazu ausersehen gewesen, dieses heilige Gesetz zu empfangen und zu verbreiten. In jener feierlich-großen Stunde galt das große Wort: „Heute bist Du zum Volke geworden Deinem Gotte.“ Wann ist dieser Geburtstag Israels? Das ist der Tag, an dem der Ewige seinem Volke die „Kraft“ verlieh, den „Frieden“ gab. Denn die Thora ist die „Kraft“, die nie versagt und nie versiegt, sie ist der unwandelbare, ewige „Friede“. Sie ist die „Kraft“, die sich jahrtausendelang bewährt, der „Friede“, der durch nichts gestört wird, der Geburtstag der Thora! Wir feiern ihn stolz, wir feiern ihn glücklich; wir feiern ihn in demütiger Anerkennung der unerreichbaren Größe, der unergründlichen Tiefe des Thorawortes, Thorageistes. Sie hat den Siegeszug durch die Welt angetreten, hat Menschenherzen, Menschenseelen erobert und bezwungen. „Du stiegest empor, nahmst gefangen, machtest Menschen zu Deinen Geschenken.“ Mit dem Doppeldiadem des Gehorsams und der Tat wurden nach alter Sage die Väter gekrönt, als sie die Heilsbotschaft Gottes mit den Worten empfingen: „Wir wollen nach dem Gesetze handeln und gehorchen.“ Mit der Krone der Tugend und des Glaubens wird die ganze Menschheit gekrönt durch die Thora. Zum Eigentum der gesitteten Menschheit ist sie geworden. Erfüllt hat sich der alten Weisen Lehre und Deutung: „Die Erde erzitterte und alle Bewohner, als das „Ich“ die Säulen der Erde feststellte“ — jenes „Ich“, mit dem die zehn Gebote beginnen. Allumfassend war die Botschaft; sie erfüllt die ganze gesittete Welt. Wie die Wüste, wo sie zum erstenmal gehört war, niemandem eignet, so ist sie, diese Thora, jedwedem zu eigen, der sie annimmt; wie das Weltmeer, so ist sie weltumarmend; wie Wasser und Feuer nicht feil und käuflich sind, so sind Moral und Glaube. Als Allgemeingut war die Thora gedacht. Dieser Tag ist nicht allein der Geburtstag Israels; er ist der Geburtstag festgegründeter Sittlichkeit. Und wir sollten ihn nicht festlich begehen? sollten nicht die heilige Lade mit Kränzen umwinden? sollten nicht Blumen streuen auf den Weg der Thora, deren „Pfade allesamt sind Lieblichkeit“? Wir sollten nicht in inbrünstiger Dankbarkeit der Zeit gedenken, die uns zum Lehrmeister der Welt gemacht, uns, die vielgeschmähten Stiefkinder der Menschheit, zu den liebeerfüllten Spendern von Friede, Freude und Liebe?! Die „Wüsten freuen sich und Steppen jubeln“; die Wüsten der Lieblosigkeit, die Steppen der Menschenverfeindung, denn einzieht die Lehre der Menschenliebe. Wir wollen Sendboten sein und bleiben dieser Lehre, im Zeichen dieser „Kraft“ auf unseren Höhen wandeln.
——————
Gebet am Vorabend des Wochenfestes.
———