Allgütiger! Das liebliche Fest der Erstlingsfrüchte begrüßt uns wieder mit dem zauberischen Lächeln seines holden Angesichts. Da wird auch unser Angesicht heiter, unser Herz fröhlich, und das Wort des Gebetes wird auf unseren Lippen zum heiteren Jubelton innerer Fröhlichkeit. Was kann das Herz des Menschen mehr entzücken als der Anblick der Natur, die da pranget in ihrer ganzen Herrlichkeit! Das ist eine Freude, die höher steht, als alle anderen Freuden, die gemeinsamer Anteil der Menschen sind, denn sie ist unvergänglich, wenn auch dem Wechsel unterworfen; im Hinschwinden dieser Schönheit liegt schon die Gewißheit des Wiederentstehens. Und wenn sie eingetreten ist, diese Verjüngung, so hat sie nichts von ihrer Anmut verloren, nichts von ihrer Kraft eingebüßt, keines ihrer Wunder ist geringer geworden. Der aus Deinem Munde wieder gerufene Frühling ist derselbe heitere Garten Gottes, der in den Tagen meiner Kindheit meine jugendliche Seele ergötzte, der, immer wiederkehrend, jahraus jahrein mir seine Freuden zum Genusse bot, und der mit süßem Schmeichelton noch in der Brust des Greises und der Greisin die sanfte Empfindung inniger Lebensfreude erweckt und das Bekenntnis hervorruft: Freue, Mensch, Dich Deiner Erde, freue, Mensch, Dich ihres Schöpfers! Wie ist sein Werk so schön!

Nicht wir Menschen allein sind es, die nunmehr ein Fest zu Deinem Preise feiern, Allgütiger. Die ganze Natur hat festlich sich geschmückt, auch sie stimmt ein in unsern Jubel; der heitere Morgen, der freundliche Abend, das junge Grün des Waldes, die Fröhlichkeit der Tiere auf Erden, alles! alles preiset Gott, alles spricht vernehmlich: Halleluja! Gott ist die Liebe, Halleluja!

Wie aber? Ist es denn des Menschen würdig, nicht mehr zu wollen, nicht mehr zu bedürfen, als alle Dinge ringsumher? Unterscheidet sich mein Frühlingsfest nicht von dem Frühlingsfeste der Natur? Reicht es hin zu meiner Befriedigung, wenn in der Schönheit der Erde meine Sinne ihr Genüge finden?

O nein, mein Gott, ich feiere heute noch ein anderes, noch ein höheres Fest der Erstlingsfrüchte!

Einst lag ein harter, starrer Winter auf den Ahnen meines Volkes, auf dem Volke, das Du um ihrer frommen Väter willen bestimmt hattest, die Verkündiger des Frühlings zu werden, der dem Menschengeschlecht anbrechen sollte in der Welt des Geistes. Da hast Du, Allmächtiger, mit starker Hand die Eisdecke der Sklaverei gespalten, da hast Du die Deinen erweckt aus dem Winterschlaf geistiger Finsternis, da hast Du unter ihnen in Deiner wunderbaren Erlösung die Saat ausgestreut, aus der das Heil der ganzen Menschheit für alle Geschlechter auf Erden erblühen sollte, und als am Sinai Dein Donnerwetter ertönte, da war das herrliche, unvergängliche, menschenbeglückende Gesetz die Erstlingsfrucht des anbrechenden Frühlings.

Ja, das ist das Fest, das ich feiere, daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbaret in der Körperwelt und daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbart in Deiner heiligen Lehre.

Und daß ich einzudringen versuche in die Weisheit Deiner heiligen Gebote vom Sinai, daß ich betrachte, wie sie auch mir zum Heile und zur Glückseligkeit gegeben sind, das sei die Aufgabe, die am morgenden Tage des Festes mich beschäftigen soll!

Allgütiger, Deine Liebe ist mein Glück, Deine Zufriedenheit mein Streben. Amen!

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Gebet am Wochenfeste.