(Vorher Nischmath [Seite 19].)

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Urquell aller Weisheit! Du, mein Gott, der Du die Menschen beglückt hast durch Deine heilige Lehre, Dir will auch ich danken, daß ich dieser Lehre teilhaftig bin. Darum sei heut, am Feste der Gesetzgebung meine Andachtsübung, daß ich mich beschäftige mit den Geboten, die Du am Sinai verkündigt, die Du ausgesprochen hast unter dem Schalle der mächtigen Posaune, die erweckend forttönt für jedes willige Menschenohr bis zu den spätesten Geschlechtern.

Du wolltest es, o Herr, daß die Menschen nicht ferner in der Finsternis wandeln, daß das Licht der Wahrheit sie erleuchte und ihnen den Blick eröffne weit über die Zeitlichkeit hinaus. Du wolltest sie lehren, daß nichts von allem, was entsteht und vergeht, ein würdiges Ziel ihrer Anbetung sei und Du sprachst es aus: „Ich, der Ewige, bin Dein Gott!“

Du wolltest, daß die Menschen nicht bangen und zagen, sich dem Erhabensten zu nahen, daß sie nicht glauben sollen: der Allmächtige ist zu groß für mich, zu erhaben für meine Verehrung; zwischen ihm und mir liegen Millionen Dinge, die Macht über mich haben und über mein Bestehen; all die Kräfte der Natur, all die wunderbaren Erscheinungen am Himmel und auf Erden, warum sollte ich sie nicht anbeten? Oder daß sie sprechen: Der Erhabene, der Unkörperliche ist unfaßbar für mich, ich will ihn mir darstellen im Bilde, und Du sprachst es aus: „Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesichte!“

Du wolltest, daß die Menschen, trotz der Gewißheit, daß Du ihnen nahe bist und nahe sein willst, und es keinen Vermittler gibt zwischen Dir und ihnen, sich dennoch mit allen Kräften ihrer Seele zu Dir erheben, und nicht Deinen heiligen Namen aussprechen, als hätte Deine Herrlichkeit sich herabgelassen zu ihrer Niedrigkeit, und Du sprachst es aus: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht vergeblich führen!“

Du wolltest, daß die Menschen Dich verehren als den Schöpfer der Welt, der durch sein Schöpfungswort sie aus dem Nichts hervorgerufen, der noch fort und fort in Ewigkeit sie regieret und leitet, Du wolltest, daß diesem Gedanken ein Tag geweiht sei, der an die Vollendung Deines Schöpfungswerkes sie erinnere, und der sie mahne, daß Du es bist, der für sie sorgt und nicht ihrer Hände Werk, und Du sprachst es aus: „Gedenk des Sabbattages, daß Du ihn heiligest!“

Du wolltest, daß die Liebe herrsche unter den Menschen, und Du pflanztest sie ein in ihr Herz, daß sie die Grundlage sei menschlicher Güte und menschlicher Tugend, und Du wolltest, daß der Mensch ihr Dasein und ihre Macht nimmer verleugne, darum schufst Du auf Erden ein sichtbares Abbild Deiner eigenen Liebe in den Herzen der Eltern, und Du sprachst es aus: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!“

Du wolltest, daß der Frieden herrsche unter den Menschen, daß der eine seine Kraft nicht mißbrauche, dem andern zu schaden an seinem Leibe und an seinem Wohlsein, daß der Starke nicht Herr sei des Schwachen, der Mächtige nicht vernichte den Machtlosen, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht morden!“

Du wolltest, daß die Unschuld herrsche unter den Menschen, daß Sitte und Selbstbeherrschung sie veredle, daß das Band der Liebe und Treue die Menschen zu Familien eine, und die Familie zum Vorbild diene für die Vereinigung aller Menschen untereinander, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht ehebrechen.“