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I. Gebete für den Sabbat.

Der Sabbat.
.שבת

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Sabbat-Betrachtung.

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„Denke des Sabbattages, ihn zu heiligen!“ „Heil dem Menschen, der dies tut, dem Erdensohne, der daran festhält: Den Sabbat hütet, ihn nicht zu entweihen, seine Hand hütet, daß er nichts Böses tue!“ Als Moses, so erzählt eine uralte Sage, den Druck seiner Brüder in Ägypten sah, ging er zum Pharao und sagte: Wenn der Sklave nicht einen Tag in der Woche ruht, muß er sterben. Und Pharao sagte: Tue, wie Du geredet. Da ging Moses hin und setzte den Sabbat ein. „Darum freut sich Moses der Gabe, die sein Teil ist.“ Doppelt ist die große Aufgabe des Sabbat; den Menschen auf Gott und sein Werk, den Menschen auf sich selbst zu weisen. Das wollen auch diese Thora- und Prophetenworte, will die sinnige Sage melden. Neben dem gewaltigen, völkerbezwingenden, weltgewinnenden Riesengedanken des Einzigen Gottes, der aus sich Kulturen geboren hat; neben dem größten sittlichen Befehl der „Nächstenliebe“, den unsere Religion vor allen anderen der Menschheit erteilt hat, ist der Sabbatgedanke der größte, den unser Glaubensgesetz besitzt. Er verlieh und verleiht dem Leben Hoheit, Weihe und Würde. Wenn die heilige Schrift das Schöpfungswerk mit dem Tage der Sabbatruhe schließt und krönt, wenn das Bundestafelgesetz den Sabbat fordert, so will dies besagen, daß ohne ihn der Schöpfung wundererfülltes Werk nicht vollendet, das Leben nicht vollkommen wäre. Denn der Sabbat ist die Blüte am markigen Baume der Lebensarbeit. Er ist die Sehnsucht rastlos schaffenden Menschengeistes, mühevoll-emsiger Menschenhände. Unsere harte Zeit des Daseinskampfes, in der die Seele nur wenig und selten bedacht wird, hat trotz aller Bildungsmittel und Kunstideale, aller Schönheitspflege und Wohlfahrtspredigt den Sinn und Willen des jüdischen Sabbat weder erfaßt noch erreicht. Der jüdische Sabbat hat eine ewige Bedeutung für die ganze Menschheit. Dieser Tag der Ruhe ist der „Tag der Weihe im Geiste, auf daß auch der Werketagsarbeiter aller Art zu sittlicher Erhebung, zur Freiheit des Gemütes sich sammeln könne.“ Er ist eine sittliche Kraftäußerung der Seele und der Religion, die sieghaft dem Nutzentriebe und der Stoffgewalt Schranken setzten.

In dieser Weise hat er einst in jüdischen Kreisen gewirkt, in Haus, Familie und Gemeinde. Die Geistes- und Leibesarbeit der Wochentage strebte gewissermaßen dem Hochziele „Sabbat“ zu. Der Rüsttag schon verriet die Zeichen der kommenden, herzerquickenden, reinen, tiefen Sabbatfreude. Sie führte Vater, Mutter und Kind in einen fröhlichen, geweihten Kreis, in dem es keine Sorge, keinen Kummer, keinen Kampf und keinen Haß, keine Trübung noch Trauer gab. Licht und Lust, Lebensmut und Lebensfreude erfüllten Herz und Haus. Ausgeglichene, einfältigweise Rast und Ruhe und Sammlung waren der Grundton der Sabbatstimmung. Becherweihe durch Segensspruch, Elternsegen, bescheidenes Festmahl, gewürzt durch Begleitworte der Thora und der andachtsvollen, sinnreichen, lehrhaften Erbauungsbücher; gemütreicher Gottesdienst mit ehrlichen, gradaus zum Himmel gerichteten Gebeten, Familienverkehr und Freundesbesuch, nicht ermüdender Spaziergang im Festgewande — sie füllten den Tag aus. Und selbst der Ärmste feierte mit; Herr und Frau, Magd und Knecht. So erstreckte sich der Sabbatfriede über alle und alles. Warum aber sprechen wir von dieser Sabbatherrlichkeit im großen und im kleinen wie von vergangener, verschwundener Zeit? Hat etwa die Gegenwart bessere, höhere Werte an deren Stelle gesetzt? Gewähren rauschende Feste, lärmende Lust, taumelnde Freude dem Herzen und der Seele tiefere Befriedigung? Haben Staats- und Gesellschaftsgesetz der Gegenwart es trotz schwerster Bemühung erreicht, Welt und Menschen einen wirklichen, ungeschwächten Tag der Ruhe zu schenken, der zugleich ein Tag höchster Seelenweihe wäre? Und wie sehr, wie dringend bedürften wir, wie alle Menschen in der tötenden Hast und drängenden Eile des Alltaglebens dieses immer wiederkehrenden Hinweises auf göttliche Macht und menschliche Größe, dieses mahnenden Rufes zur Sammlung und Ruhe. Der Wochensabbat würde sich zum Weltensabbat eignen und weitern, um so einen Teil des Erlösungswerkes zu vollbringen, das messianische Hoffnung für Israel und alle Welt erwünscht und ersehnt.

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מַה טֹּבוּ
Beim Eintritt in das Gotteshaus.