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Du, Herr der Welt, der Du in Deiner heiligen Lehre uns geboten hast, das Erntefest zu feiern sieben Tage und an demselben den Feststrauß zu binden aus Palmen und Myrten und Bachweiden und sie zu vereinigen mit der Frucht des herrlichen Baumes, auf daß wir mit diesem Strauße uns freuen vor dem Herrn, unserem Gotte, Du hast auch bestimmt, daß dies Ernte- und Freudenfest gleichzeitig ein Erinnerungsfest für uns sei, damit, wie Du es ausgesprochen hast, „die spätesten Geschlechter es wissen, daß ich in Hütten die Kinder Israels habe wohnen lassen, als ich sie herausführte aus Ägypten, denn ich bin der Ewige, euer Gott.“

Und diese Bedeutung des Festes, diese Erinnerung an jene geschichtliche Tatsache, ist die schönste Ergänzung zur Feier des Erntefestes. Wir haben Deine Vatergüte erkannt in den Gaben, die auf Dein Geheiß die Natur uns hervorbringt, und nun sollen wir auch dessen inne werden, daß Du selber über die Natur erhaben bist, daß ihre Gesetze von Dir ausgehen, Du aber selber ihnen nicht unterworfen bist.

Der Winter naht heran, und wir fürchten nicht, denn wir haben Vorrat eingesammelt für die unfruchtbare Zeit und schützen uns in festen Häusern vor den Stürmen der rauhen Jahreszeit. Anders war es bei unseren Vätern in der Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. Da war nicht Saat und Ernte und selten genug ein Quell frischen Wassers; aber die Wanderer in der Wüste haben nicht Mangel gelitten, Du hast sie gespeist mit dem Brote des Himmels, Du schufst das Manna zu ihrer Nahrung, und stilltest ihren Hunger vierzig Jahre, und der Fels verwandelte sich auf Dein Wort zum lebendigen Wasserquell.

Und sie hatten kein festes Haus, keine sichere Wohnung, weil sie keine Heimat hatten; aber die Hütten, die sie sich bauten in der Wüste, waren ein hinreichender Schutz für sie, denn mehr als die Hütte schützte sie Dein allmächtiger Wille.

Und als denjenigen, dessen Wille mächtiger ist als alle Gesetze und Kräfte der Natur, sollen auch alle späteren Geschlechter Dich verehren, und als denjenigen, dessen Schutz allein uns, den Menschen, Bürgschaft sein kann für ihr Bestehen auf Erden.

O, wir wären töricht, wollten nicht auch wir das erkennen. Unser ganzes Leben auf Erden ist eine Wanderung durch die Wüste. Die Kräfte der Natur sind nur zum Teil für uns, zum Teil sind sie auch gegen uns. Von tausend und abertausend Gefahren sind wir bedroht; Du aber, o Herr, schützest uns, und Deine Fügungen für unser Heil sind nicht minder wunderbar, als Deine Taten für unsere Väter.

Ja, unser Leib selber ist nur eine zerbrechliche Hütte, die jedes Unwetter und jeder böse Zufall vernichten kann, so Du nicht mit Deiner Liebe ein schützendes Zelt über uns ausbreitest.

Du aber hast es ausgesprochen: In Hütten sollt ihr wohnen, wie Eure Väter in Hütten gewohnt haben, und trotzdem nicht fürchten: denn „ich, der Ewige, bin ja euer Gott!

So ist es gewesen bis heutigen Tages. Auch das Leben unseres Volkes war eine Wanderung durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, durch die traurige Wüste, aber Deine Hand hat uns bewahrt vor dem Untergange, und endlich führtest Du uns dennoch in das gelobte Land, in das Reich auf Erden, in dem alle Menschen, als Brüder vereint, Dich anbeten und den Namen des Einzigen preisen sollen. Amen!