„Besser ist der Dinge Ende, als ihr Anfang.“ So lautet eines der Weisheitsworte des Denkers, der in dem Koheleth-Buche zu uns spricht, das wir im Verlaufe dieses Festes lesen. Es ist ein trostreicher, herzstärkender, ermutigender Kernspruch, der uns schaffensfreudig und zukunftsfroh machen soll. Am Tage des Schlußfestes zumal gewinnt dieser Gedanke besondere Bedeutung. Die Reihe der Feste ist nun bald geschlossen. Eine ernst-ehrliche Rückschau soll zu dem befriedigenden Ergebnis führen, daß „das Ende besser ist als der Anfang“. Wie würde doch jede Kraft gelähmt, jeder Plan zerstört, jede Hoffnung getötet werden, wenn nicht diese Zuversicht uns erfüllte? Im Keime müßte jede Saat verderben und ersterben, wenn nicht die beschwingende Kraft dieser Aussicht den Mut des Sämanns heben würde. Alles Gedeihen, alle Arbeit, aller Fortschritt ruhen auf dem fruchtbringenden Boden dieser Überzeugung. — Versöhnt mit Gott und Menschen, gesühnt von Schuld und Fehlern hat uns die Zeit der Rückkehr, der Buße und der gnadenreichen Fülle des Versöhnungstages. Reine Herzensfreude und aufrichtende geschichtliche Erinnerung brachte uns das Fest der Hütten. Denn es greift nach seinem Wesen und Festgedanken zurück auf das Fest der ungesäuerten Brote, da es ja gleich diesem an den Auszug aus Mizrajim gemahnt und auch an das Fest der Offenbarung, die dem Volke Israel in der Wüste zuteil geworden war, in der unsere Ahnen in Hütten gewohnt hatten. So steht das Schlußfest am Ende der Reihe und sammelt die Gedankenernte aller Festeszeiten, heimst den Gefühlsertrag ein, den jene schönen, guten Tage aufgehäuft haben sollen. Das sichere Ergebnis ist ein wahrer, tiefer Segen für Israel. „Dies ist der Segen“; so beginnt der letzte Abschnitt des fünften der Mosesbücher, das wir am Fest der Thorafreude lesen. Das ist der Segen, der unseren Festen stetig entströmt. Sie rufen große Tage großer Geschichte wach; festigen uns zu gestähltem Gottvertrauen, hämmern unseren Charakter, adeln unser Volksbewußtsein und erweitern es zu allumfassender Menschenliebe.
Um den aus Wolken quellenden Regen und Segen beten wir an diesem Tage. Er befruchtet die Scholle und lockert das Erdreich. So strömt die heilige Lehre in unser empfängliches Herz, träufelt das Wort Gottes Heilung und Labung in alle schwachen Gemüter. Wenn der Fuß des müden Weltwanderers über raschelndes, dürres Laub schreitet und Nebelschleier sich vom feuchten Himmel zur Erde senken, Vogelsang verstummt und der Sonne sonst wärmender Strahl nur fahl und kalt durch nebelfeuchtes Dunkel dringt; dann verzagt mein Herz nicht und ist nicht bange. Denn: „Es ward Abend und es ward Morgen“. Das Abendrot ist der Bruder des Morgenrots. Das „Ende der Dinge ist besser als ihr Beginn“. Aber in dem Ende schlummert der Trieb zu neuem Leben in nie versiegender Schaffenskraft, in unaufhörlichem Kreislauf. Wie in dem Menschenkörper der Kreislauf des Blutes vom Herzen zum Herzen das Leben bedingt, so wirkt der Feste Jahreskreislauf belebend auf den Körper des Judentums. Sein Herz aber ist die Thora, die Lehre des Lebens, seine Seele der feste Glaube an den einzigen Gott.
——————
Gebet am Schlußfeste.
(Vorher Nischmath, [Seite 19].)
———
Herr und Vater! Der Feststrauß ist aus der Hand gelegt, die Hütte ist verlassen, diese sinnbildlichen Darstellungen unserer Festgedanken sind nicht mehr verknüpft mit der Feier des heutigen Tages. Mit kurzen Worten hast Du uns unsere Aufgabe angedeutet, die für diesen Tag uns geworden: „Und am achten Tage sollt ihr feierliche Festversammlung halten, ein Schlußfest soll es euch sein.“
Aber ich kenne den Sinn dieser Aufgabe; sie fordert von mir, daß ich am Schlusse der heiligen Feiertage noch einmal die Andacht meines Herzens erwecke, um die Gedanken, die an den heiligen Tagen meine Seele erfüllt haben, noch einmal an mir vorüberzuführen, und den Gewinn, den mein Geist in ihnen gesammelt hat, als bleibendes Gut mit hinüberzunehmen in das Leben der Alltäglichkeit.
Es hat das heilige Neujahrsfest mir Gott den Herrn gezeigt als den allwissenden Richter, der die Handlungen der Menschen kennt und ihre innersten Gedanken. Vor diesem Richter kann die Lüge nimmer bestehen, der Trug zerfällt in nichts, und kein Schein kann vor ihm die Wahrheit verhüllen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Fest in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß der Mensch nur dann weise handelt, wenn in jedem Augenblicke seines Lebens das Bewußtsein in ihm klar ist, daß Gott der Herr seine Wege kennt und seine Taten prüft. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend bleiben, der es nie vergißt, daß er Rechenschaft geben muß vor dem Allwissenden für alle seine Schritte!
Es hat alsdann der große Versöhnungstag, mit seinem ganzen mächtigen Eindruck auf unser Gemüt, Gott den Herrn mir gezeigt als den Gott der Gnade, der die Sünden der Menschen vergibt, so sie in wahrer Reue ihn um Vergebung anflehen. Aber dieser Reue mußte die strengste Selbstprüfung sich verbinden, auf daß der Mensch sich des Unterschiedes bewußt werde zwischen dem, was er in Wirklichkeit leisten kann, und dem, was er in Wirklichkeit leistet. Wir sollen es kennen lernen, daß die Neigung zum Bösen nicht zu den Naturnotwendigkeiten gehört, denen der Mensch unterworfen ist, daß es vielmehr in unserer Kraft liegt, das Gute zu üben und das Böse zu fliehen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Feste in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß strenge Selbstprüfung die beste Führerin ist, dem Irrenden die rechte Bahn zu zeigen, die beste Beschützerin ist gegen jede feindliche Macht der Versuchung. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und der Tugend bleiben, der bei allen seinen Schritten sich selber prüft, ob nur die Neigung des betörten Herzens ihn leitet, oder ob Vernunft, Religion und Gottesfurcht sein Bestreben billigen!