Das Köstlichste ist sie der Güter,

Teurer als Gold- und Perlengeschmeide.“

Unerschöpflich scheint die Quelle, aus welcher Propheten, Dichter und Sänger des Judentums ihre helle Begeisterung für die Thora schöpfen. Wenn sie von der Thora künden, sprechen und singen, dann erfüllt die Rede inbrünstige Andacht, die Dichtung höchster Gedankenschwung, den Gesang wundersam ergreifende Melodie; alle sind von den reinsten, edelsten Gefühlen getragen. Die Thora ist die Sonne, die das ganze jüdische Leben erwärmt, durchleuchtet vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres, des Lebens. — Sie ist Lehrerin, Erzieherin, Trösterin, ist Führerin, Warnerin, Meisterin. Sie gibt Haltung und Festigkeit dem Glücklichen; Regel und Ordnung dem Leben. Des Gesetzes starke Hand leitet durch die Irre und Wirrnis; führt an Anstoß und Hindernis sicher vorüber. Handel und Wandel weist es die Wege, Lieben und Meiden zeigt es den Pfad. Gutes und Böses lehrt es scheiden, Recht und Unrecht mit Klarheit erkennen. Das Thorawort ist tief und wahr, der Thorageist ist gerecht und milde. Sie gibt Kraft und Weisung dem Unglücklichen; Richtung und Zweck dem Leben. Sie ist das Leben. Seit uralten Tagen der Vorzeit hat sie sich dem Judentume als lebenerhaltende Kraft bewährt. Im buntwechselnden Wogen der Völker, die durch Jahrtausende der Geschichte kamen und gingen, ist das Judentum aufrecht und im Wesen unverändert geblieben. Das will auch die Sage erzählen, welche meldet, daß Gott selbst seine Thora zu allen Völkern der Erde trug, sie ihnen anzubieten, sie aber die Gotteslehre als unannehmbar zurückwiesen, bis endlich nach langer Irrfahrt Israel sich bereit fand und erklärte, „die Last des Gesetzes“ zu tragen und die Sendung übernahm, den Glauben an den Einzigen und Einen in der ganzen Welt zu verbreiten, und mit diesem Glauben den friedenstiftenden Gedanken der Menscheneinheit, Menschenliebe, Menschenerlösung. Denn von einem Menschenpaare läßt die altehrwürdige Erzählung der heiligen Schrift alle Menschen stammen und schafft so die Vorstellung gleicher Würde aller Menschenkinder, denen Gott ein Allvater ist. Und nur auf diesem geweihten Boden konnte die Wunderblume der unbedingten „Nächstenliebe“ wachsen; man hat sie zu entwurzeln und als einem anderen Muttergrunde entsprossen zu bezeichnen versucht. Vergeblich. Dieser Ruhm gebührt unserer Thora; diese Botschaft hat sie der lauschenden Mit- und Nachwelt gebracht.

Deshalb auch freuen wir uns an diesem Tage, beglückt durch solche Betrachtung und in allen Widerwärtigkeiten gestärkt durch diese geschichtliche Überzeugung. Deshalb lesen wir das letzte und das erste Wort der Thora am heutigen Tage der Thorafreude, den ewigen, ungeschmälerten Wert der heiligen Lehre anzuerkennen, deren Anfang und Ende Liebe ist. In festgeschlossener Kette reiht sich Sabbat an Sabbat im Jahreslaufe. Ein gottesdienstliches Jahr schließt unmittelbar an das andere. Wenn wir das Schlußwort der Thora hören: „Vor den Augen aller Kinder Israel“, klingt uns schon vertraulich und bekannt die Botschaft entgegen: „Im Anfange hat Gott Himmel und Erde erschaffen.“ Glücklich im Besitze des Kleinods, hüten wir es treu und sorgsam. Und zum Zeichen, daß die Thora uns auf allen Wegen sicheres Geleite gibt, tragen wir die ehrwürdigen Rollen liebevoll in unseren Armen und umschreiten in feierlichem Zuge den heiligen Schrein, in dem sie ruhen. Sie, die Thora, ist Losung im Kampfe, Losung zum Siege.

„Freuen und jubeln lasset uns am Simchath-Thora,

Denn sie ist uns Kraft und Leuchte.“

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Gebet am Simchas Thora.
שִּׂמְחַת תּוֹרָה

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Herr und Vater! Es heißt von Deiner heiligen Lehre: „Sie soll nicht schwinden aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Nachkommen in Ewigkeit!“ und eben darum machen wir an dem heutigen Festtage dieselbe Stunde, in der wir die Vorlesung aus der Lehre Moses beendigen, zur Stunde des Wiederbeginnens. Nie soll es in unserem Leben eine Stunde geben, die uns außerhalb der Beschäftigung mit den heiligen Büchern der Thora fände, eine Stunde, von der wir sagen können, wir haben die Durchlesung zwar beendet, aber noch nicht wiederbegonnen. Und ist auch dies nur ein äußerliches Werk, so ist es uns doch ein Zeichen und eine Mahnung, daß wir nie aufhören sollen in der heiligen Lehre zu forschen, daß wir es nie imstande sind, ihren ganzen Inhalt zu erschöpfen, daß wir nicht immer wieder aufs neue Belehrung, Trost, Weisheit und Erbauung in ihr zu finden vermöchten. Und das ist auch am heutigen Feste, dem Tage, den wir „die Freude des Gesetzes“ nennen, der Sinn dieser Freude, daß in der Lehre ein ewiger, nie versiegender Quell des Heiles uns gegeben ist, dessen Labung eine immer süßere wird, je mehr wir aus ihm schöpfen.