Aber auch eine hiervon ganz verschiedene Betrachtung macht uns diesen Tag würdig. Wie ein erhabenes Kunstwerk aus dem Reich der Töne, das bald ernst und würdig, bald stürmisch brausend, bald süß und liebkosend, bald zürnend und erschütternd, aber immer in gleicher Pracht und Herrlichkeit zu uns geredet hat in den verschiedenen Melodien, wie ein solches Kunstwerk der Töne endlich verhallt in leiser, zitternder Klage, so verhallt am heutigen Tage der Inhalt des Gottesbuches in der Erzählung vom Tode des herrlichsten der Menschen, des göttlichen Propheten. Aber auch dieser Schluß, er enthält noch eine hohe unschätzbare Lehre der Weisheit. Mose, der Mann Gottes, der sein Leben und Streben eingesetzt für das Glück seines Volkes, für das Glück der Menschheit, er sieht das Ziel seiner Taten von ferne, er selbst genießt keine Frucht seiner treuen Aussaat. Von der Höhe des Berges schaut er das herrliche Land, in das sein Volk einziehen soll, er selber aber zieht ein in die Heimat der seligen Geister. Laß' dieses Leben, diesen Tod, o Herr, mir eine Lehre sein! Nicht der Genuß sei das Ziel unseres Strebens, sondern die edle Tat. Gutes wirken, das allein heißt leben. Die Bahn der Tugend ebnen für andere, das heißt auch selber auf ihr wandeln. Nicht strebe meine Seele darnach, zu herrschen über andere und zu glänzen vor Anderen, wohl aber ein leuchtendes Vorbild zu sein für andere in edlem Wollen und Wirken, um endlich in der Stunde des Scheidens aus der Erdenwelt das Bewußtsein mitzunehmen in die Ewigkeit, keine Kraft, die der Herr mir gegeben, unbenutzt gelassen, sondern sie angewandt zu haben zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes.

All' mein Lebtag möchte ich eine würdige Schülerin des großen Lehrers sein, dem nie ein Prophet geglichen, der die Herrlichkeit Gottes geschaut von Angesicht zu Angesicht. Amen!

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III. Gebete für die ernsten Feste.
יָמִים נוֹרָאִים

1. Das Neujahrsfest.
רֹאשׁ הַשָּׁנָה

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Zwei Tränen.
Festbetrachtung am Neujahrsfeste.

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Wenn es in irgend bedeutsamen Augenblicken geschieht, daß es uns an Worten gebricht, uns auszudrücken und mitzuteilen — wie muß uns die Sprache nicht ohnmächtig erscheinen in einem Augenblicke, der für unser Leben immer der bedeutsamste bleibt, am Anfange eines neuen Jahres! Was da uns erfaßt, was da uns bewegt, wie da von hinterwärts und vorwärts, aus der Vergangenheit und Zukunft, Ströme von Empfindungen und Gefühlen in unser Herz sich ergießen, wie da Erinnerungen und Hoffnungen in unserer Brust auf- und niederwogen, wie könnte solch ein vielgestaltig Bild durch den langsamen Griffel des Wortes wiedergegeben werden! Dafür aber hat uns der Schöpfer eine andere Sprache gegeben: Was die Rede nicht meistert, was das Wort nicht sagen kann, — es sagt's die Träne. Und ob sie in nicht verhaltenem Gusse die Wange mag herniederperlen, oder ob wir, uns bewältigend, sie nach innen weinen, wer den überwältigenden Gedanken dieses Tages denkt, er weint die Träne, die Zeugin seiner Herzenswallung, die Träne des Leides und die Träne der Freude.

Das vergangene Jahr, es will sein Recht. Und ob man gleich die Zeit eitel und flüchtig nennt, für den hat sie eine eiserne Gegenwart, dem sie wehe getan, ihm schwebt das Bild seiner trüben Erfahrungen vor den Augen, als wäre es mit ewigem Griffel gezeichnet, und oft ist der Schmerz noch so wenig vernarbt, daß es nicht einmal der Erinnerung bedarf, um die Träne des Leides in sein Auge zu drängen.