Wer aber hätte sich nicht einmal von der Hand des Geschickes unsanft erfaßt gesehen, oder wer hätte nicht die oft noch unsanftere Berührung empfunden, mit welcher Menschen unser innerstes Gefühl verletzend antasten? Ob das Geschick, oder ob die Menschen sie uns erpreßt, sie fließt, die Träne des Leides.
Ob wir durch Sorgen uns hindurchgewunden, um das tägliche Brot, ob wir zu den Füßen erblicken die Trümmer von Hoffnungen, Wünschen und Entwürfen, oder ob wir als leer und nichtig erkennen, was wir einst fest und sicher glaubten, die Freundschaft, die Treue, die Hingebung, die alles kündigt, dies alles umschließt eine Träne.
Aber nicht bloß des Schmerzes Zeugnis ist sie, diese Träne, sie ist auch des Trostes Erweckerin. Ist es doch dem Weinenden, als ob er mit ihr auch seinen Schmerz ausgösse, denn sie erweckt in uns den Gedanken, daß Gott es war, der über uns entschieden. Wie traurig wäre es, wie könnten wir es ertragen, wenn sich zu dem Schmerze auch noch der Zweifel gesellte, wenn unser trostbedürftiges Herz der Gedanke umstrickte: Es war alles nur des Zufalls Spiel. Eine kalte Naturnotwendigkeit hat das Liebste uns vom Herzen gerissen, ein blindes Geschick hat der Sorgen Last über uns ausgeschüttet. Darum spricht dieser Tag mit seinen schmerzlichen Erinnerungen uns den Trost zu: Er, der die Zeiten dahinrauschen läßt, ist es auch, der der Zeiten Ereignisse bestimmt. Wohl gibt es ein Festes, ein Notwendiges, demgegenüber all unser Wollen und Streben ohnmächtig sich erweist, aber es ist nicht die erklärungslose Festigkeit eines Fatums, nicht die starre Notwendigkeit der Natur, es ist vielmehr der zweckvolle Wille einer höheren Weisheit. So ist die Träne des Leides zugleich die Erweckerin des Trostes. Und wenn wir nicht nur um uns, sondern auch in uns schauen, und in dem niederdrückenden Gefühl unserer Schwäche, in dem Bewußtsein unserer Fehler und Mängel auch die Träne der Schuld vergießen, so ist sie allerdings auch die des Leides, aber, wer Tränen vergießt, ob seiner Schuld, der fühlt die Sehnsucht nach Vervollkommnung, der hat das Streben nach Besserung, und mit dem Streben nach Besserung kommt das Selbstvertrauen und die Träne wird zur Quelle des Trostes.
Aber auch eine Träne der Freude haben wir zu weinen! War denn ein Tag im hingeschwundenen Jahr, dem nicht auf die Nacht das Morgenrot gefolgt wäre? Und hat sich nicht mit jedem Morgen die Güte des Herrn neu an uns bewiesen? Ruft doch selbst jener Sänger, der den schmerzlichen Fall Israels gesehen unter Klagen aus: „Ja, die Güte Gottes, sie hört nicht auf, seine Gnade schwindet nicht, wie von neuem stets der Morgen tagt, so erneuert sich Deine Güte.“ Und wer hätte selbst, wenn ihm die Hand des Herrn noch so wehe getan, von derselben Hand nicht auch der Wohltaten Fülle empfangen? Hat er nicht vielfach den Lohn seines Fleißes, das Gedeihen des Werkes seiner Hände erblickt? So manches von dem, was er erstrebt, gewünscht, versucht, hat sich verwirklicht und erfüllt. Und dann vor allem, erblickt er nicht diesen Tag? Hat er nicht das Leben? Wer aber Leben hat, der hat auch Hoffnung. So fließet denn in der Träne der Freude, wie sie der dankbare Erguß unseres Herzens ist, zugleich der Quell der Hoffnung. Und wann bedürfen wir der Hoffnung mehr, als heute, da wir ein neues Jahr beginnen, da unser Auge sich auf die Zukunft richtet, die vor uns liegt, umhüllt von dem dichten Schleier des tiefsten Geheimnisses. Die Hoffnung allein gibt uns den Mut, der Ungewißheit nicht zu achten und getrost den Fuß auf unbekannten Pfad zu setzen, sie ist die Stimme, die zu uns spricht mit fast überzeugender Kraft der Beruhigung. Und was ist es, das wir hoffen! Sollten nicht, wie in dem dahingeschwundenen Jahre, so viel Denkmale aufgerichtet stehen, von Gottes Gnade und Güte, als wir Stunden durchlebt haben, sollte nicht ebenso in dem kommenden die Kette der Gnadenzeugnisse sich fortsetzen? Und wenn wir auch hier nicht um uns, sondern in uns schauen und, in dem Bewußtsein, daß Gott trotz unserer Fehler und Schwächen und Sünden dennoch uns seine Güte nicht entzogen hat, eine Träne der Reue weinen, und wenn sich dabei die Zuversicht kräftigt, daß Gott uns auch bei dem Werke unserer Veredlung beistehen wird, dann ist auch diese Träne eine Träne der Freude und auch sie erscheint als ein frischer Lebensquell der Hoffnung.
Und so treten wir getrost in das neue Jahr, denn wir hoffen auf den, der in der Zeiten Wandelbarkeit allein unwandelbar ist. Beherzigen wir, was mit der Vergangenheit uns versöhnt, für die Zukunft uns stärkt. Tröstlich ergeben in die Vergangenheit, die Gottes war, mutig hoffen auf die Zukunft, die Gottes sein wird, das ist die Lehre dieses Tages — die Lehre zweier Tränen. Amen!
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Am Vorabend des Neujahrsfestes.
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So sinke nun hernieder
Du letzter Tagesrest,