[Inhalt.]
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| Vorbemerkung | [V] | |
| Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken von demVerfasser der Wolken | [1] | |
| Beilagen. | ||
| I. | Aus der Handschrift des »Pandämonium Germanicum« | [29] |
| II. | Aus den »Meynungen eines Layen« | [32] |
[Vorbemerkung.]
Der Kampf der Geniezeit gegen Wieland, im göttingischen Kreise von »Nonsensesängern« gegen »Wollustsänger« (Lichtenberg), zumal durch Voss sittenrichterlich geschürt, im rheinischen durch Goethes »Götter, Helden und Wieland« entfacht, bedarf einer umfassenden Darstellung, die wir von Seuffert nach seinem trefflichen Aufsatz (Zs. für deutsches Altertum 26, 252 ff.) erwarten. Im April 1774 hatte Jacob M. R. Lenz in Kehl Goethes übermütige Satire drucken lassen, und so war ein von Wieland am 29. Januar 1773 Gottern zugeraunter Wunsch ganz anders erfüllt worden: »Könnten Sie sich entschliessen eine kleine Parodie, etliche Aristophanische Scenen zu machen, worin Sie nicht den Bacchus, sondern den Apollo ... zu den Schatten herabsteigen liessen, um Opitzens, Canitzens, Hagedorn's, Liscows etc. Seelen wiederzuhohlen. Unsre Liederdichter könnten das Chor der Frösche dabey vorstellen. Ich möchte gar zu gerne dass diesem Geschmeisse auf ein oder die andere Art ein Ende gemacht, und die guten Köpfe erweckt würden, was anders als Lieder zu machen.«
Goethe wurde durch Wielands überaus kluge und geistreiche Haltung, die im Juniheft des Teutschen Merkur 1774 den schalen Götz-Recensenten eingehend desavouierte, doch auch jene Farce heiter hinnahm, und durch die erste persönliche Anknüpfung mit Weimar dem Kampfplatz entzogen. Wir hören sein lebendiges Wort unmittelbar aus dem köstlichen von Johanna Fahlmer niedergeschriebenen Gespräch (Goethe-Jahrbuch 2, 379), aber trotzdem noch 1775 mehr als eine kriegerische Drohung, und es ist Lenz, den Goethe damals für den gefährlichsten Widersacher des »Nachbar Gorgias« hält. Bei Lenz wirkten ethische Grillen mit dem Zorn über Recensionen im Teutschen Merkur zusammen. Zwar muss er selbst gestehen, es sei ihm glimpflich begegnet worden: die Anzeige der »Lustspiele nach dem Plautus« (September 1774, S. 355 f.) und des »Hofmeisters« (ebenda S. 356–8) sind vorwiegend sehr günstig; auch »Der neue Menoza« (November 1774) könnte leicht viel übler fahren, und in der scharfen Recension des göttingischen Almanachs (Januar 1776, S. 86) finden die »kleinsten Schnitzen« aus Goethes oder Lenzens Brieftasche neben Klopstock und Claudius ihr Platzrecht. Der Verfasser des »Leidenden Weibes«, Klinger, wird freilich (August 1775, S. 177) ein Nachahmer Lenzens genannt mit dem Zusatz: »Der Nachahmungssucht schreibe ich auch die unartigen Ausfälle zu, die der rüstige Knabe auf Wieland gethan.« Die »Unterredungen zwischen W** und dem Pfarrer zu ***«, deren Abwehr des Vorwurfs, Wieland stelle gewisse Laster verführerisch reizend dar, Lenz selbst später anerkennt, erschienen vom April 1775 an, also gerad in der Zeit, wo Lenz den mörderischen Kampf betrieb. Ihre überlegnen Worte gegen den »redlichen, die Tugend mit Enthusiasmus liebenden Jüngling Voss« (S. 82), Aussprüche wie dieser: dass »ein junger unerfahrner Neuling in der Welt unmöglich ein Sokrates seyn kann« (S. 83) samt der Wendung von »unreifen muthwilligen Jungen, die sich zu Richtern aufwerfen« waren nicht danach angethan, den Ehrgeiz und die Neusüchtigkeit eines Herolds der vorrückenden Generation alsbald zu dämpfen.
Lenz fühlte sich schwer gekränkt durch den Hohn, den Wieland einer ausdrücklich Lenz, nicht Goethe als Verfasser nennenden leeren Recension der »Anmerkungen übers Theater« (Januar 1775, S. 94 f.; Schmid) beigefügt hatte, obwohl diese dramaturgischen Rhapsodien gegen Aristoteles und die Franzosen ihn aus dem Spiele lassen, ja seine Übersetzung des »Julius Caesar« ruhig citieren. Der »W.« unterzeichnete »Zusatz des Herausgebers« lautet (S. 95 f.):
Der Verfasser der A. ü. Th. mag heissen wie er will, traun! der Kerl ist 'n Genie, und hat blos für Genien, wie er ist geschrieben, wiewohl Genien nichts solches nöthig haben. Sollt ihm dies aber nicht erlaubt gewesen seyn? Durft er doch schreiben, was gar niemand, was er selbst nicht verstunde! Wer konnt's ihm wehren? Fürs Publikum ist so was freylich nicht. Denn was soll dies damit machen? Wie soll es dem Genie seine Räthsel errathen? oder ergänzen, was der geheimnissreiche Mann nur halb sagt? oder ihm in seinen Gemssprüngen von Klippe zu Klippe nachsetzen? — Sein Ton ist ein so fremder Ton, seine Sprache ein so wunderbares Rothwelsch, dass die Leute dastehn, und 's Maul aufsperren, und recken die Ohren, und wissen nicht ob sie süss oder sauer dazu sehen sollen; — sehen also Höflichkeits halben, und um sicher zu gehen, lieber süss, wie die meisten Zeitungsschreiber und Recensenten. — Sein Ton ist nicht der Ton der Welt; es ist auch nicht der Ton der Untersuchung; Schulton ist's auch nicht; Kenner haben sonst auch noch nie so gesprochen. Was ist's denn? Es ist der Ton eines Sehers, der Gesichte sieht, und mit unter der Ton eines Quomebaccherapistuiplenum, der seinen Mund weit aufthut, um etwas herrliches, funkelneues, noch von keinem Menschensohn gesagtes, zu sagen, und dann gleichwohl (wie Horaz in seinem Rausche) gerade nichts sagt, das sich der Müh verlohnte, das Maul so weit aufzureissen. Mag seyn, dass ein solcher begeisterter Seher oder Genie allerley Dinge sieht, die wir andern Leute, die ihrer Sinnen mächtig sind, nicht sehen — auch wohl zwoo Sonnen, zwoo Theben für eine — aber das Unglück ist, dass der Leser selten gewiss werden kann, was der Mann gesehen hat, und ob er auch recht gesehen hat. Ein solch Büchlein, so klein es ist, den Lesern, die keine Genien sind, verständlich zu machen, zu prüfen, das Korn von der Spreu zu scheiden, und zu zeigen, was darinn gesunde Kritik, und was eitel schaales Persiflage ist, was würklich neugedacht, und was nur durch die Affectation seltsamer Wendungen, Wortfiguren und Nothzüchtigung der Sprache den Schein einer unerhörten Entdeckung bekommen hat, wiewohl Andre das lange vorher kürzer, deutlicher und richtiger gesagt haben, — Alles dies zu thun, müsste man ein Buch in Folio schreiben; und wer soll's schreiben? oder, wenn's geschrieben wäre, wer soll's lesen?
Uebrigens, wenn unsre Leser sich mit ihren sehenden Augen überzeugen wollen, dass es auch schon im Jahre 1773, und also wenigstens ein Jahr vorher, eh der Verfasser der Anmerkungen der Welt sein Lichtlein leuchten liess, Leute gab, welche wussten, worinn Shakespears grosser Vorzug besteht: so ersuchen wir sie nur im 3ten Band des T. Merkurs die 184 und 185ste Seite zu lesen [August 1773 S. 183–188 Wielands enthusiastischer Aufsatz »Der Geist Shakespears«], und dann — das Buch wieder zuzumachen.
Lenz wollte diesen dem jungen Geschlecht, seinen Göttern und Götzen vermeintlich unholden Inhaber der einflussreichen bellettristischen Recensieranstalt, diesen falschen bethörenden Graziendichter, diesen undeutschen Makler fremden Giftes, wie er ihn sich karikierte, in den Staub strecken und Wieland nicht bloss mit Schrotschüssen des Epigramms (»Der Archiplagiarius«; Weinhold, Gedichte von J. M. R. Lenz 1891, S. 105) oder kleineren Satiren (»Menalk und Mopsus« ebenda S. 90, »Éloge de feu Monsieur **nd« S. 99), nicht bloss mit einer grobwitzigen persönlichen Episode des »Pandämonium Germanicum« (s. Beilage I), sondern auch mit der vollen Ladung einer modernen Aristophanischen Komödie treffen. Warum musst' ich, fragt er in einem Brief, gerad über Aristophanes sitzen, als Wieland mich beleidigte? Diese »Wolken« hat uns, nach Andeutungen Jegórs v. Sivers (»J. M. R. Lenz. Vier Beiträge zu seiner Biographie und zur Litteraturgeschichte seiner Zeit«, Riga 1879), Karl Weinhold durch genaue kritische Zusammenstellung der Briefnachrichten und den Abdruck spärlicher Reste näher gebracht. Ich wiederhole nicht, was in seinem Buche »Dramatischer Nachlass von J. M. R. Lenz« 1884, S. 313 ff. zu lesen ist.[A] Die Handschriften vom Sommer 1775 und vom nächsten Frühjahr sind unwiederbringlich verloren, der bei Helwing in Lemgo bis zum März 1776 durch Boies Vermittelung hergestellte Druck ist auf Lenzens Wunsch völlig zerstört worden. Den ersten Anstoss dazu gab die Rücksicht auf Wielands Jugendgeliebte Sophie v. La Roche und die Kunde, Wieland habe ihren Sohn erzogen.
Der Vorgang, dass jemand eine gar nicht erschienene Satire selbst öffentlich ablehnt, ist wohl unerhört und sogar dem litterarischen Maskenspiel Hamanns fremd. Die »Vertheidigung« muss im Spätjahr 1775 geschrieben sein; den Plan wird Lenzens Wort an Boie (September?) andeuten: »Ich habe ein Mittel, alles das bei Wieland und seinem Publiko wieder gut zu machen, das ich aber in petto behalte.«