Briefe an Boie, dem durch Lenz auch eine Polemik Schlossers gegen die »Abderiten« und durch Weygand Goethes Wertherische »Anekdote« gegen Nicolai (Waldmann, Lenz in Briefen 1894, S. 50) für das Deutsche Museum angehängt werden sollte, und an Zimmermann unterrichten uns über den äusseren Verlauf. In demselben Brief (empfangen am 12. Febr. 1776), wo Lenz die Unterdrückung der »Wolken« oder wenigstens den Ersatz deutscher Namen durch griechische bedenkt, bittet er die »Vertheidigung« nicht beizugeben, sondern »als Palinodie, nicht als prämeditirte versteckte Apologie« für sich zu drucken. Sie soll auch ohne die »Wolken« ausgehen: »Desto origineller ist sie. Man kann dazusetzen, der Vf. habe den Druck der W. verhindert und weil viele sie im Mskpt gelesen, diess zu seiner Vertheidigung geschrieben. Ich will nichts dafür.« Unmittelbar darauf betreibt er nach ganz ähnlichen Worten den Druck der »Vertheidigung«, die Wielands »Hauptgesinnungen mehr schaden wird als alle Anschuldigungen. Ich kenne mein Publikum — und jetzt ist es Zeit. Wenn das Eisen ausgeglüht hat, fällt der Hammer zu spät.« Am 20. Februar empfängt Boie von Lenz den S. 2 mit winzigen Abweichungen gedruckten Entwurf einer Vorrede des Verlegers Helwing in Lemgo. »Die Wolken sind unterdrückt,« beteuert der Herausgeber der »Flüchtigen Aufsätze«, Kayser, der im Oktober 1775 die Publikation insgeheim in Ulm hatte besorgen wollen, nun am 3. März aus Zürich; »Die Vertheidigung der Wolken wird hier unter uns circuliren. Schlosser schrieb darunter: Helas tais-toi Jean Jaq [so] ils ne t'entendront pas — und das ist herrlich wahr.« Bald ging ein wunderlicher Bitt- und Mahnbrief Lenzens, der sehnsüchtige Blicke nach Weimar warf, an Wieland ab. Diesem sollten ein paar Exemplare der »Vertheidigung« anonym zugehn, »damit er sie desto eher bekommt und sein Misstrauen gegen uns entwaffnet wird« (an Boie, 11. März). Boie meldet (8. März), dass bei dem Todesurteil über die »Wolken« der erste »angedruckte« Bogen der »Vertheidigung« umgedruckt werden musste, wovon auch am 22. März (Waldmann S. 45) wiederum die Rede ist; Wieland solle zwei Exemplare kriegen. Wir erfahren, dass Helwing noch immer die »Vertheidigung« für ein Werkchen Goethes hielt, der übrigens von den »Wolken« gar nichts wusste (Waldmann S. 48). Lenz empfing Anfang Mai die »Vertheidigung« gleichzeitig mit der dem Buchhändler zum Schadenersatz für die »Wolken« überlassenen Komödie »Die Freunde machen den Philosophen« und konnte, begeistert für Weimar und für Wieland, die verabredete Sendung an diesen eben noch bei Boie widerrufen.

Einen langen sehr interessanten Erguss Lenzens an F. L. Stolberg (April oder Mai 1776) über seinen herrlichen Verkehr mit Wieland, »dem einzigen Menschen, den ich vorsätzlich und öffentlich beleidigt habe«, hat Dumpf 1819 im Vorwort des »Pandämonium Germanicum« mitgeteilt. Ich habe ihn jüngst aus diesem Versteck hervorgezogen (Lenziana S. 15, Sitzungsberichte der kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften 41, 993) und wiederhole hier nochmals den Bericht, soweit er sich nicht auf das Persönliche, sondern Wielands eigenen Worten gemäss auf die litterarisch-sittlichen Grundsätze bezieht und damit auch der »Vertheidigung« vollends den Garaus macht:

In der That, bester Freund, ist ein wesentlicher Unterschied unter einem schlüpfrigen und einem komischen Gedicht, wie Wielands Erzählungen und Ritterromane sind. In den ersten werden die Unordnungen der Gesellschaft ohne Zurückhaltung mit bacchantischer Frechheit gefeiert und ihnen, dass ich so sagen mag, Altäre gesetzt, wie Voltaire und Piron thaten; in diesen werden die Schwachheiten und Thorheiten der Menschen mit dem Licht der Wahrheit beleuchtet und (wie könnte ein Philosoph sie würdiger strafen) dem Gelächter weiterer Menschen Preis gegeben. Mich deucht, der Unterschied ist sehr kennbar, und nur Leidenschaft konnte mich bisher blenden, ihn nicht zu sehen.

Man wirft ihm vor, dass seine komischen Erzählungen zu reitzend, gewisse Scenen darin zu ausgemalt sind. Ein besonderer Vorwurf! Eben darin bestand sein grösstes Verdienst, und der höchste Reiz seiner Gemälde ist der ächteste Probierstein für die Tugend seiner Leser. Tugend ohne Widerstand ist keine, so wenig als einer sich rühmen darf, reiten zu können, wenn er nie auf etwas anders, als auf ein Packpferd gekommen. Eine solche furchtsame, träge, ohnmächtige Tugend ist bey der ersten Versuchung geliefert. Will also einer an diesem Eckstein sich den Kopf zerschellen, anstatt sich an ihm aufzurichten, so thut er's auf seine Gefahr. Dasselbe würde ihm bey der ersten schönen Frau begegnet seyn; darf er deswegen den Schöpfer lästern, der sie gemacht hat? Setzen wir diese nun auch in hundert noch reitzendere Verhältnisse, der Reine, dem alles rein ist, und der seinen Entschluss und seine Hoffnungen unwandelbar im Busen fühlt, wird, wenn wir sie zu Hunderten gruppirten, mit der Trunkenheit eines Kunstliebhabers, wie unter Griechischen Statuen vorbeygehn, ohne einen Augenblick zu vergessen, dass nur eine ihn glücklich machen kann. Überhaupt schweigt der thierische Trieb, je höher wir auch die Reitze der körperlichen Schönheit spannen, und verliert sich unvermerkt in die seelige Unruhe und Wonne des Herzens, das alsdann von neuen, menschenwürdigern, entzückendern Gefühlen schwillt, wohin ihn Wieland, an hundert Stellen seiner komischen Gedichte, so geschickt hinaufzubegleiten wusste. Welche Wohlthat er dem menschlichen Geschlechte dadurch erwiesen, wird ihm erst die Nachwelt danken: falls seine Gedichte etwa nicht, unglücklicherweise, anders gelesen werden sollten, als er sie gelesen haben will.

So war Lenzens »ewiger« Hass flugs in die schrankenloseste Bewunderung umgeschlagen. Wieland benahm sich mit vollendeter weiser Bonhommie. Der Widerruf geschah auch vor allem Volke, denn das Dezemberheft des Deutschen Museums brachte 1776 die »Epistel eines Einsiedlers an Wieland« (Weinhold S. 205). Sie war in Berka entstanden. Dort hat der Waldbruder wohl auch das zuerst im Morgenblatt 1855 S. 782 gedruckte rührende Billet an Wieland geschrieben:

Es scheint, Lieber, du weisst nicht oder willst nicht wissen, wer die Ursache des ganzen literarischen Lärmens gegen dich war. Ich liess Götter, Helden und Wieland drucken, und ohne mich hätten sie das Tageslicht nimmer gesehen.

Ich hätte dir's in Weymar gesagt; ich fürchtete aber, es würde zuviel auf einmal geben. Einmal aber muss es vom Herzen ab, und so leb' wohl! Lenz.

Ob er auch über die »Wolken« Generalbeichte gethan hat? Jedesfalls begreift man seine den zuverlässigen Mittelsmann Boie (Waldmann S. 54) beleidigende Angst, der Druck möchte doch nicht spurlos zerstört sein. Ende Juni dankt er Zimmermann, auf dessen Rat er die Bekanntmachung sowohl der »Wolken« als der »Vertheidigung« sich sehr ernsthaft verbeten habe; »Zudem habe ich in der Vertheidigung Druckfehler gefunden, die dem ganzen Dinge ein schiefes und hässliches Ansehen geben, 'gefühllos' statt 'gefühlig', gewiss ich müsste selbst gefühllos seyn wenn ich die Bekanntmachung einer so nachtheiligen Vertheidigung W. ertragen könnte. Statt N. ist J. [gedruckt] und andere dergleichen Späsgen die mir den ganzen Zweck der Schrift verderben, die überhaupt bey unsrer gegenwärtigen Lage wenig Wirkung thun wird.« Später wird noch durch Boie dem wackeren Helwing eine Ehrenerklärung gegeben und die Zurückziehung der »hoffentlich nicht verkauften Exemplare der Vertheidigung« wie das Autodafé der »Wolken« in Zimmermanns Gegenwart gefordert. Es war zu spät. Der Leipziger »Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1777« S. 9 (nichtssagende Notiz), des herausgeforderten Nicolai Allgemeine deutsche Bibliothek (Anhang zu Bd. 25–36, S. 774 f.; unterzeichnet A., d. h. nach Parthey: Beckmann), Schubarts Teutsche Chronik (18. Juli 1776; 58. Stück, S. 461 f.) bringen Recensionen. Diese beiden widersprechenden mögen hier folgen. Das Berliner Organ sagt über »Vertheidigung« und »Éloge«:

Ein Paar elende Scharteken. Hr. Lenz, von dem eine Zeitlang einige Leute ein gewaltiges Lärm [so] machten, als ob er, wer weiss was für ein Genie wäre, schreibt auf Herrn Wieland ein Pasquill, die Wolken betitelt. Er nimmt nachher, aus wichtigen Gründen, wie er sagt, den heilsamen Entschluss, den Druck dieses Pasquills zu hintertreiben. Er weiss aber den Schritt, den er im Aristophanischen Spleen zu weit gethan, nicht anders gut zu machen, als dass er eine Vertheidigung Wielands gegen eben diese Wolken schreibt, deren sehr unnöthige Existenz wir sonst gar nicht wusten, und erst hierdurch erfahren. Es ist wohl ein Zeichen der gewaltigen Eitelkeit des Verf. dass er auch der Welt einen solchen ungedruckten Wisch hat ankündigen wollen. Er schwatzt dabey über allerley Sachen ins Gelag hinein, als ob er sie verstände, unter andern auch über die allgemeine deutsche Bibliothek, wowider es nicht der Mühe werth ist ein Wort zu verlieren. Dabey ist es sehr possierlich, mit wie vielem Eigendünkel er S. 32 mit Hrn. W. rechtet, und vermeynet, Hr. W. hätte es an ihm verdienet, dass er noch schlimmer mit ihm verführe. »Mit alledem ... gescholten hätte« [hier 20,14–32. Zu dem Wort »Kunstrichter« Fussnote: »Hr. L. muss wohl glauben, er könne beyde Mienen sehr leicht annehmen.«] Als ob, wenn auch alles dieses wahr wäre, seine verfehlte Schakespearische Manier dadurch im geringsten besser würde. Aber solchen Leuten kommt es nur darauf an, das Fleckchen zu finden, wo es am wehesten thut.

Unter dem Titel Eloge stehen drey sehr mittelmässige Gedichte ... womit auch W. soll wehe gethan werden. Es ist aber alles so übertrieben und so platt, dass auch da, wo d. V. einigermassen wider W. recht haben [mag], niemand auf seine Seite treten wird.

Dagegen urteilt Schubart, denn er ist es offenbar selbst:

Vor einiger Zeit gieng eine Komödie, die Wolken betitelt, im Msct. herum, worinnen Wieland und Nikolai mit Aristophanischer Bosheit misshandelt wurden. Da entschuldigt sich nun dessfalls der Verfasser in einem Bogen und legt sein Glaubensbekänntniss vom Wieland und mit unter auch von Nikolai ab, so, dass der erste damit zufrieden seyn, der leztere aber schreyen muss über den harten schmerzhaften Angrif eines Mannes, der ihm an Genie so weit überlegen ist. So kühn, so steif [so] und gutsinnig, so gedankenvoll und tiefsinnig, so im Feuerstrome ausgegossen, ist noch wenig geschrieben worden, wie hier diese drey Bogen. Am Ende räth er Wielanden zur Strafe für viele seiner sittenverderbenden Schriften — in seinem Alter Dichterruhe auf Lorbeern an. Sind 40. Jahre schon das Greisenalter des Dichters? — Nicht doch! Homer schrieb seine Odyssee im fünfzigsten Jahr. Klopstock einige seiner vortreflichsten Stücke vom 40. bis zum 50sten Jahr, und Young seine Nächte gar im 80sten Jahr. Dass Wielands Phantasie noch bey weitem nicht ausgetrocknet sey, beweisen seine neusten poetischen Stücke im Merkur, die gröstentheils voll Lebensfeuer sind.

Indessen wirds jeder Leser (versteht sichs, wer lesen kann) gar leicht sehen, dass diese Bogen einen unsrer ersten und vortreflichsten Köpfe zum Verfasser haben. Feuer muss da seyn, wo einem die Flamm' ins Gesicht schlägt.