Man erlaube mir doch hier, allen künftigen Dichtern oder Nachtretern und Nachbetern [11] unserer Dichter, wenn es möglich wäre, mit der Stimme des Mars, als 30 er verwundet war, oder wollen sie lieber mit der Stimme Silens des Eselreiters zuzurufen, daß Uneigennützigkeit der große, der ewige Probierstein aller wahren Dichter gewesen ist, ist und bleiben wird. Hier ins Kleine zu gehen, wird man mir erlassen: ich weiß, daß auch 35 Dichter Leben und Othem haben müssen, und daß wohl niemand mit mehrerem Recht auf Belohnungen der Republik Ansprüche zu machen habe, als ein Dichter, der ausgedient hat. Wo sind die Zeiten hin, da die Anführer wilder Horden in den Schottischen Gebirgen hundert Barden mit sich führten, ihnen bey frölichen Schmäusen ihre Lieder vorzusingen? Und was kann wohl erbärmlicher 5 seyn, als einen Dichter, der doch, wenn er ächt seyn will, durch so vieles gegangen seyn muß, am Ende seines Lebens einen Karren ziehen, oder ein Mühlrad umdrehen zu sehen wie Plautus. Ach, daß die Liebe zur Unsterblichkeit den Sporn für die Fürsten nie verlieren möge, 10 nicht sich Schmeichler zu dingen, wie Horatz war, sondern um ihr Vaterland verdiente Männer zu belohnen, die höchste Schmeichelei, die sie sich selber machen können.
[12] Fern also, Herrn W. sein glückliches Schicksal zu beneiden, fern irgend einige Ansprüche auf ein ähnliches 15 zu machen, ehe ich einen ähnlichen Grad des Verdienstes oder ein Alter erreicht, in welchem Erschöpfung der Kräfte und Hülflofigkeit von selbst, wo nicht zur Belohnung, doch zu menschenfreundlichem Beystande einladen werden: so wünschte ich vielmehr, durch meine unmanierliche 20 Art von den Sachen zu reden seine wahren Verdienste in ein desto helleres Licht zu setzen, und sie durch den Schatten, den ich drauf geworfen, daß ich so sagen mag, desto besser abstechen zu machen, und den Leuten vor die Augen zu bringen, zugleich aber auch Herrn W. durch 25 die gerechten Belohnungen seines Vaterlandes ein für allemal die Hände zu binden, daß er durch allzulebhafte Anmaßungen nicht Eingriffe in die Rechte anderer thue, sondern aufkommen und gedeyhen lassen wolle, was dem Vaterlande gut und nütze seyn kann, wenn es gleich nicht 30 durch ihn gepflanzt und gesäet worden. Bisweilen ist auch die zu gar große Begierde, von dem Seinigen und zwar vor aller Welt Augen was dazu zu thun, die sich so gar zu gern in Patriotismus und Menschenliebe einkleidet, den jungen Pflanzen schädlich und verderblich, die 35 durch allzu öftere [13] und bisweilen rauhe Berührung gern welk werden.
»Wer soll aber den Geschmack ausbreiten und der Verwilderung oder Verwahrlosung desselben vorbauen, wenn es nicht die thun, die es schon selbst in einer Kunst zu einem Grad der Fürtreflichkeit gebracht?«
Ich fühle das ganze Gewicht dieser Frage, meine 5 Leser! aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Poeten als Kaufleute anzusehen sind, von denen jeder seine Waare, wie natürlich, am meisten anpreist. Wie ungerecht, wenn da einer aus ihren Mitteln entscheiden, die letzte Stimme geben soll! Und wenn er ein Engel wäre, wie ungerecht! 10 Alle Plane, die er anlegt, alles Lob, das er austheilt, werden, wie natürlich, zu seinem Endzwecke führen, welcher ist, sich allen andern vorgezogen zu sehen und die andern aufs höchste nur als Trabanten in seiner Atmosphäre [sich] umdrehen zu lassen. Wem soll also das Urtheil über uns 15 zustehen, wenn es nicht dem zusteht, für den wir da sind, dessen Beyfall uns leben und athmen lässet, ich meyne dem ganzen Volk. Ich nehme hier das Wort im gemilderten Verstande, so daß ich den Pöbel, der weder Dichter noch Gelehrte anders als vom Hörensagen kennt, 20 davon aus- [14] schließe. Dagegen zähle ich auch die Väter des Volks zum Volke, die wie alle Helden und großen Männer des Alterthums auch in ihren Vergnügungen sich bis zum Volk herunterlassen, da sie wohl wissen, daß dieses von jeher das einzige und 25 höchste Mittel war, sich seiner freywilligen Treue und Ergebenheit in allen auch den schwersten Erfordernissen zu versichern.
Dieses Volk muß aber geführt werden, da es sonst in seinem Geschmack eben so unbestimmt und schwankend 30 seyn würde, als es in seinen Handlungen zu seyn pflegt, es muß sich in einem Punkt dem verfeinerten und bessern Geschmack der Edlern anschließen können, das einzige Band zwischen Großen und Kleinen, Beherrschern und Unterthanen, das einzige Geheimniß aller 35 wahren Staatskunst, ohne welches alle bürgerliche Verhältnisse und Beziehungen auseinander fallen, ohne welches der Bürger immer den Staat als den Unterdrücker und der Staat den Bürger als den Rebellen ansehen wird. Sehen Sie da die Nothwendigkeit der wahren Gelehrten, am meisten aber derjenigen Philosophen, die das ganze Reich der Wissenschaften durchwan- [15] dert 5 und von diesen Wanderungen mit den schärfsten und reichhaltigsten Einsichten und dem feinsten Geschmack, aber auch mit dem unverdorbensten zärtesten Gefühl, für alle Rechte der Menschheit und auch für den geringsten Eingriff in dieselbigen zurückgekommen sind, etwa wie Herodot, 10 Solon, Lykurg, und später Demokrit und Pythagoras im Alterthum waren. Diesen und nur der vereinten Stimme dieser überlasse man es, ein Endurtheil über den Dichter zu fällen, der mit dem Volk stehen und fallen muß. Diese allein sollten den heiligen Namen der Rezensenten 15 tragen, der freylich in unserm Jahrhundert an so unzähligen Stirnen schon ein Brandmal geworden ist. Auf dieser, und je nachdem sie sich durch anhaltenderes Streben und Leiden als bewährtere Freunde des Vaterlandes bewiesen haben, auf dieser ihre Stimme allein, harre und 20 zähle die Nation, wenn sie über den Werth und Unwerth neuerschienener Produkte entscheiden will. Aber auch diese müssen belohnet werden. Wir haben solche Zeiten in Deutschland gehabt. Als noch Abbt, Mendelsohn, Hamann und ihres gleichen gehört wurden[C], da 25 war noch [16] sicherer Richtscheid des Geschmacks derer, die ihr Gefühl an den aufwachsenden Sängern ihres Vaterlandes übten. Was soll man aber zu einem Dichter sagen, der mehr Buchhändler als Dichter auf diesen Grund fortbaute, das heißt Kunstrichter aus ganz Deutschland 30 zusammenmiethete, um endlich auf diesen ungeheuren Obelisk sein Bild mit desto mehrerer Sicherheit aufstellen zu können, der alle Offizinen und Druckerpressen auf gewisse Art in Anspruch nahm, um nichts in seinem Vaterlande ans Licht kommen zu lassen, das 35 nicht von ihm und seinem Geschmacksrath vorher war gestempelt worden. Denn er hatte die Wahl der Rezensenten, die er nach seinen einseitigen Absichten so geschickt zu vertheilen wußte, daß die Guten die Schlechten unterstützen, und da sie alle ohne Nahmen waren, so 5 ganz in der Stille, unwahrgenommen und ungerügt, für einen Mann stehen, das heißt — sein Buchhändlerinteresse befördern mußten. Eine herrliche Aussicht für unsere Gelehrsamkeit, eine herrliche freye Luft für Gelehrte — den edelsten Theil der Nation — darin zu athmen. So 10 triumphirten von jeher kaufmännische Kunstgriffe und niedrige kleine Streiche über den wahren Adel des Herzens gewisser auf diesen Punkt [17] einfältigen Weisen, die die Vortheile des Lebens verachteten, und aus zuweit getriebener Sorglosigkeit dafür sich auch die Mittel 15 abschneiden ließen, ihren Brüdern nützlich zu seyn.
Ich verdenke es Herrn W. nicht, daß er, um Ansehen dem Ansehen, Kunstgriffe den Kunstgriffen entgegenzusetzen, eine kritische Bude von ähnlicher Art, wiewohl doch mit mehrerem Geschmack, errichtete. Er war bisher 20 von diesen gemietheten Kritikern, die nur lobten, weil sie sich sonst beym Volk nicht hätten erhalten können, zu sehr gemißhandelt worden, als daß er nicht auf ein Mittel bedacht seyn sollte, sich ihrem unleidlichen, ganz und gar nur Merkantilischen Joch zu entziehen. 25 Welcher Gelehrte, der die Würde seiner Seele fühlt, könnte auch anders als mit Verachtung daran denken? Dieser Ostrazismus von Stimmen aus dem Vaterlande, die ein einziger, der zugleich Kunstrichter, Dichter, Buchhändler und alles in allem seyn will, einsammelt und in seinem 30 geheimen Topf durcheinander schüttelt — dieses schändliche Gewerbe von Lob und Tadel, zu dem ihm einige der Edelsten der Nation die Kräfte leihen, um alles, was Freyheit, Tu- [18] gend und Ehre athmet, zu unterdrücken, oder wenigstens, so viel an ihm ist, nicht zu Kräften 35 kommen zu lassen, es sey denn, daß es zu seinen Privatabsichten diene, dieser Ebentheurer, mit den Mienen der Weißheit im Gesicht, der Eigensucht und Schalkheit im Herzen trägt, und vermittelst der ersteren durch diese zwey verborgenen Triebfedern unser ganzes Vaterland in Bewegung setzt, und von niemand abhängig, alles von sich abhängig machen will — das unser Tribunal? — von 5 dem sich nicht appelliren ließe? — das die bewährten Zeugen unseres Werths? — Warum nennen sie sich nicht? — Laß sie hervortreten, wenn das Vaterland ihnen glauben soll — und wenn es sie sonst kennt, wird es ihre Stimme ehren, so aber sind sie durchs Fenster hineingestiegen und 10 Miethlinge, denen der Nutzen des Vaterlandes so fremd ist, als dem darauf lauernden Wolfe.
Wenn nun diese mit den allergrößten Anmaßungen von der Welt, und immer, wie Herr Klopstock unbezahlbar erinnert hat, anstatt ihre einseitige Stimme zu geben, 15 mit einem Egoismus, der alle Grenzen der Schaamhaftigkeit übersteigt, und eben deswegen ungerügt bleibt, als Repräsentanten der [19] ganzen Nation sprechen, eine Stimme für die Stimme aller ausgeben, um die Blöden zu übertölpeln, die Einfältigen fortzureißen, die Weiseren 20 aber, die zu stolz sind, sich mit ihnen in Verbindungen oder zu ähnlichen Kunstgriffen herab zu lassen, wie die Tischglocke den guten Homer um ihr Auditorium zu bringen: wer kann es Herrn W. verdenken, daß er gleichfalls um Ansehen dem Ansehen entgegen zu setzen, 25 er, der es gewiß mit mehrerem Rechte thun konnte, sich des unleidlichen Wir bediente, das er doch an andern Schriftstellern als ein unverzeyhbares Verbrechen verdammte[D]. Da es nun aber so weit gekommen ist, daß sein Wir nicht mehr gilt, als jedes andern ehrlichen 30 Mannes von seinem Werth, so ist es auch billig, das Wir eines prätendirten Ausschusses der Nation, der es aber mit eben dem Recht ist als jener, der Karln dem Ersten den Kopf absprach, auf sein erstes Ich zurückzubringen:
Ich der Buchhändler N. der das Kunststück versteht, eine Gesellschaft Gelehrte, die einander nicht kennen und sich gänzlich unähnlich sind, [20] einen durch den andern hinters Licht zu führen, etwa wie jener geschickte Taschenspieler, der in eine Gesellschaft unbekannter Leute hereintrat, 5 von denen jeder glaubte, er sey der Freund des andern, und ihm alle mögliche Hochachtung bezeugte, die er denn so gut zu nutzen wußte, daß er mit dem ganzen Silberzeuge, auf dem sie gegessen, davon gieng.
Wenn nun aber gar dieses drolligte geheime Gericht, 10 Männer, die für ihr Vaterland gehandelt, die Ehre, Vortheile, Aussichten, alles, für dasselbe aus der Schanze geschlagen, die allgemein anerkannte Beweise gegeben, daß sie nicht aus einer wilden brausenden Tugend, die keinen Sporn als die Ehre kennt, sondern aus dem innigsten, 15 feinsten Geschmack für alles Schöne, Reizende und Gefällige in der Natur, aber auch aus eben so schnellkräftigem Gefühl für das Große und Erhabene, bloß durch die Wärme fürs Vaterland getrieben, alles aufopferten, und sonst nach nicht anders suchten, arbeiteten, strebten, litten, 20 als daß Alle, Alle verhältnißmäßig gleichen Antheil an dem durch die Künste und Wissenschaften hervorgebrachten allgemeinen Glück nehmen sollten — Wenn solche Leute, mit denen güti- [21] gere Mächte von oben eine Nation alle Jahrtausende einmal heimsuchen[E], durch 25 dieses drolligte, geheime Gericht nicht bloß in Schatten gestellt, nicht bloß durch glänzenden Rauch einer gewissen Art Lobes oder einer gewißen Art Stillschweigens vernebelt, sondern wo es ohnbeschadet der guten Meynung, die man doch dem Volk von sich lassen will, geschehen 30 kann, aufs abwürdigendste gemißhandelt und verkleinert werden, wenn das, was nach dem Demosthenes so schwer zu erhalten und ihnen eben deswegen so theuer ist, die Hochachtung und Liebe ihrer Nation ihnen wie jenem durch subtile und grobe Kunstgriffe zu rauben versucht wird, ohne daß man sich jemals in ein förmliches Gefecht mit ihnen einläßt, so daß man die Hauptsache, die sie mit soviel Hitze und Eyfer vertheidigten und vertheidigen mußten, 5 unausgemacht läßt, und durch lauter unnütze und unbeträchtliche Scharmützel über Nebensachen sie zu ermüden denkt — welchem Patrioten, der nur noch Blut fürs Vaterland fühlt, [22] mußt da nicht endlich die Geduld ausreißen und er mit dem δικαιος in den Wolken 10 ausrufen:
τουτι και δη
χωρει το κακον δοτε μοι λεκανην.