Nachricht des Verlegers.

Der Verfasser dieser kleinen Schrift hatte mir eine Handschrift zugesandt, deren Druck er nachher aus wichtigen Gründen zu hintertreiben für gut fand. Da diese Schrift aber doch durch verschiedene Hände gegangen war, fürchtete er, sie könte bei einigen 5 seiner Leser nicht nur widrige Eindrücke gegen die darin vorkommenden Personen, sondern auch wider den Verfasser selbst, der, als er sie schrieb, seiner Einbildungskraft und seinen Leidenschaften Zügel anzulegen nicht im Stande war, zurückgelassen haben. Diese auszulöschen schrieb er folgende Vertheidigung der 10 in den Wolken vorgestellten Personen und seiner selbst, weil er einen Schritt, den er im Aristophanischen Spleen zu weit gethan, auf keine andre Art gut zu machen wuste, um zugleich durch sein Beispiel allen seinen jungen Landesleuten, die in ähnliche Umstände kommen könten, einen Wink der Warnung zu hinterlassen. 15

Da sich sogar in der Katholischen Kirche, die eine Unfehlbarkeit des Pabstes zum ersten Grundsatz ihres Glaubens annimmt, von dem übel unterrichteten zum besser unterrichteten Pabst appelliren läßt, so wird hoffentlich einen großen Theil meiner Leser nicht befremden, 5 wenn ein Dichter, der gewiß nicht mit kaltem Blut schrieb, bei gelassenerm Nachdenken manche Schritte, die sein Flügelroß gemacht, hernach selbst, wo nicht mißbilligt, doch entschuldigt und dafür um Nachsicht bittet. Er übersah seinen Weg, und das Ziel, wohin er kommen wollte, 10 vorher, hernach setzte er nulla habita ratione über Stock und Stein, dahin zu gelangen; er sieht sich um, und findt, daß er von der Landstraße abgeirret, durch manche Sümpfe gesetzt, sich und andere mit Koth bespritzt, und nun zittert er, wohl gar durch sein Beyspiel andere 15 Strudelköpfe zu seiner Nachah-[4]mung bewogen, und wieder sein Wissen und Willen in die äußerste Gefahr gestürzt zu haben, im Sumpf unterzusinken und dem Auge der Sterblichen entzogen zu werden.

Es ist nichts leichter als eine Aristophanische Schmähschrift 20 geschrieben, es möchte aber in manchen Fällen ein wenig schwer werden, sie zu vertheydigen. Zum ersten gehört weder sehr ausgeschliffener Witz, noch sehr kühne und schöpferische Phantasie, noch auch großer Scharfsinn, sondern nur ein hoher Grad von Unverschämtheit, alles 25 zu sagen, was einem in den Mund kommt, und viel Boßheit und Grobheit sich durch keine Rücksichten zurückhalten zu lassen, mögten sie auch noch so erheblich und der menschlichen Gesellschaft noch so heilig seyn. Es ist dieselbe Kunst, die ein dreister Bube besitzt, dem ersten besten wohlgekleideten Mann Koth, Steine, Erdschollen und was ihm zu Handen kommt, ins Gesicht zu werfen. Die Vertheidigung aber, die Darlegung der Ursachen, die uns nothgedrungen haben, eine so unanständige Handlung 5 zu begehen, und wie Aristophanes (aber mit großem Unrecht) an einem Ort sagt, alle Schaam bey Seite zu setzen, ist eine so leichte Sache nicht, und wenn wir Unrecht haben, unmöglich.

[5] Man wundre sich nicht, daß ich die Vertheidigung 10 des Herrn W. mit einer Vertheidigung der Wolken anfange. So scheinbar dieser Widerspruch ist, so ist er in der That doch keiner, weil ich mich, wie billig, erst vor meinem Vaterlande legitimiren muß, ehe Herr W. oder ein anderer in meine Vertheidigung einen Werth 15 setzen können. Sonst könnte der erste beste von dem niedrigsten Gelichter aufstehen, und die Ehre eines sonst um die Nation verdienten Mannes ungescheut antasten, unter dem Vorwande, durch seine Vertheidigung alles wieder gut machen zu wollen. 20

Wenn bloß jugendlicher Kützel und Leichtsinn mich zu einem solchen Schritt gebracht hätten, so wäre er in aller Absicht unverzeyhbar, wäre es Rache für empfangene Beleidigungen gewesen (die freylich bey den alten Griechen für kein Laster gehalten wurde) so wäre er, ich gestehe es, 25 mehr klein als strafbar; beydes ist mein Fall nicht. Herr W. hat sich gegen mich gerechter als gegen alle andere angehende Schriftsteller bewiesen. Wäre es, was schon Hesiod an den Dichtern gerügt hat, Handwerksneid — erlauben meine Leser, daß ich hier Othem hole — — Herr W. 30 hat in der That seinen andern Zeitverwandten, denen doch die [6] öffentliche Stimme der Nation auch Gaben des Himmels zuerkannte, die Luft ziemlich dünne gemacht, und in einer zu subtilen Atmosphäre können nur Sylphen leben. So viele sind unter seiner alles verzehrenden 35 Influenz ohnmächtig hingesunken, ohne einen Laut von sich zu geben, wenn nun die Wolken ein Schrey gegen Unterdrückung gewesen wären, welcher Tyrann wollte aufstehen und sie Henkershänden übergeben? — Indessen, das waren sie meines Orts nicht. Herr W. wie gesagt, hat sich gegen mich billiger erwiesen, als gegen andere, und der nagende Vorwurf einer Unerkenntlichkeit, gänzlichen 5 Unhöflichkeit vielmehr, war der schlimmste aller Geyer, die ich zu überwinden hatte.

Indessen, was ich niemals für mich gethan hätte, das that ich für andere, deren stillschweigend selbstübernommenes Loos (was die galante Welt so gern Schicksal 10 nennt) mir durch die Seele gieng. Die Einbildungskraft, meine Leser! ist der Fonds, von dem wir alle leben sollen, dieser unter dem blendenden Vorwande des Geschmacks alles absprechen wollen, heißt allen Dichtern einer Nation das Leben absprechen: sehen Sie da die Ursache des Verfalls 15 alles Geschmacks bey erloschenen Na-[7]tionen, und damit diesem Uebel bey uns an der Wurzel vorgegriffen werde[B], sehen Sie da dringenden Anlaß zu einem gewaltsamen und entscheidenden Schlage. Sobald einer allein das Geheimniß besitzt, durch gewisse Reize, die sich 20 andere oft nicht erlauben können, öfter aber nicht erlauben wollen, den großen Haufen Lacher auf seine Seite zu ziehen, und sodann nur das Geschmack nennt, was in seinen Kram gehört, das heißt, was seine anderweitigen eigennützigen Absichten befördert, so ist dieses Monopolium 25 gerade der Untergang alles wahren Geschmacks und ein gräßlicher Rabe, der dem nahen Winter entgegen kräht. Mag er alsdenn für seine Person ein noch so treflicher Mensch seyn, er ist der Republik gefährlich, und um so gefährlicher, je hervorstechender und glänzender seine Talente 30 sind, und das erste beste Mittel seinem Geist beyzukommen, ohne seinen Glücksumständen oder der persöhnlichen Hochachtung, die man ihm schuldig ist, zu nahe zu treten, muß jedem wahren Patrioten immer gut genug seyn. 35

Man mache hier, ich bitte, nicht so geschwinde die Anwendung auf Herrn W. ich bin [8] nicht da, ihn zu beschuldigen, sondern ihn zu rechtfertigen. Die Umstände haben sich vielleicht ohne sein Mitwürken so gefügt, und die jedem Menschen anklebenden Schwachheiten haben die 5 Augenblicke der Versuchung überrascht, ihm das Ansehen eines ganz allein auf dem Parnaß glänzen wollenden Diktators zu geben, auch hat er, welches das meiste ist, in unzählig vielen Dingen dieses Ansehen zu guten und treflichen Endzwecken angewandt. Absichten zu beurtheilen 10 ist keine menschliche Sache, genug der Erfolg redt für ihn. Desto größer, wenn er ihn sich allein zuzuschreiben hat. Er hat, daß ich so sagen mag, auf einer Seite unserer vaterländischen alten Steifigkeit, Langsamkeit und Pedanterey, auf der andern der glänzenden 15 Unwissenheit vieler nach falschen Mustern gebildeten Gesellschaften von sogenanntem guten Ton mit wahrer deutscher Mannhaftigkeit und Muth die Stange gehalten, und selbst die Ausschweifungen seiner Muse von der äussersten angestrengtesten Schwärmerei zu der zügellosesten Leichtfertigkeit 20 waren zu diesen Endzwecken nothwendig. Ja ich möchte sagen, dieser große Mann war vielleicht der Einzige unter allen Gebohrnen, der Durst nach Erkenntniß, Feinheit der Gefühle und in einem gewissen Grad Güte des [9] Herzens unter den allerdisparatesten Ständen und 25 Beschaffenheiten seiner Landsleute von den Kabinettern bis zur niedrigsten Klasse seiner Leser gäng und gebe machen konnte. Um so viel mehr war er zu fürchten — sobald er um ein Haar aus seinem Geleise trat.

Ich schrieb einst einem meiner Freunde, ich habe 30 nichts wider W. aber alles gegen die W. die nach ihm kommen werden. Einem andern: ich liebe W. als Menschen, ich bewundre ihn als komischen Dichter, aber ich hasse ihn als Philosophen, und werde ihn unaufhörlich hassen. Ich führe diese Ausdrücke hier darum wieder an, um zu beweisen, 35 daß nicht die Nothwendigkeit mich zu vertheidigen, sondern anderweitige Beherzigungen diese widrigen Empfindungen gegen ihn schon seit langer Zeit in mir veranlaßt. Zugleich bitte ich aber auch meine Leser, mit Geduld anzuhören, wie ich diese meine Ausdrücke verstanden wissen will.

So lange das Ansehen, das sich dieser Mann gab, 5 zur Erreichung edler Endzwecke nothwendig war, so mußte es jedem andern Erdensohne, besonders aber dem, der auch nur [10] einen Schimmer von diesen Endzwecken abzusehen im Stande war, heilig bleiben. Sobald er aber — man erlaube mir diese dreiste Zumuthung — 10 die Endzwecke erhalten, zu deren Erreichung er von höhern Mächten zum Mittel schien ausersehen zu seyn, so trete er in die Reyhe der übrigen um ihre Nation verdienten Männer zurück, und erwarte, welch einen Kranz ihm das von seinem Werth gerührte Vaterland zuwerfen wird. 15 Ein solches Mißtrauen aber in seine Landsleute zu setzen, sich alles zuzueignen, was sie ihm freiwillig würden gegeben haben und das mit Vernachtheiligung und subtiler Verunglimpfung anderer, die, nachdem sie gehandelt hatten, schwiegen — das zeigt, mein Gegner verzeyhe mir, von 20 einer Seele, die ihr erstes Gepräge ein wenig auslöschen lassen, und vielleicht durch physische, vielleicht durch oekonomische Ursachen zu Mißtrauen und Kleinmuth herabgewürdiget worden. Wie glücklich, wenn ich sie ihrem Vaterlande wieder schenken, oder vielmehr die gehörige 25 Erkennung zwischen ihr und ihrem Vaterlande durch alle meine tölpischen Streiche befördern helfen könnte.