Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein Blick war dann durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel fixiert, ehe er die Flinte anlegt.

Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, daß Caspar endlich Aussicht auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und Ungefähr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden hätte, daß Caspar in Ansbach bleibe – dies sollte offenbar eine Erklärung gegen den still zuhörenden Jüngling sein –, wären sie ohne Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn aber in so guten Händen weiß,« fügte er hinzu, »bin ich nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, daß auch ein unerwünschter Zwang oft die ersprießlichsten Folgen hat.«

Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock. Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie Spülwasser. Aber für Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lächeln zwang. »Wir wollen nichts überstürzen,« sagte er. »Ich lasse morgen früh das Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.«

Es war dunkel geworden, als beide das Haus verließen. Quandt begleitete sie bis auf die Straße. Zurückkehrend schloß er ganz leise und langsam die Tür, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, legte beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.

»Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt.

»Ich begreife nicht, ich begreife nicht,« antwortete der Lehrer bekümmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden.

»Was begreifst du denn wieder nicht?« fragte die Frau verdrießlich.

Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast du vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Außergewöhnliches bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?«

Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, daß er nicht besonders höflich war und daß er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis,« entgegnete sie leichthin.

»Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe, ganz recht,« sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer Entdeckung auf der Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon abgewöhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen? verstehst du die Welt? Davon hört man nun seit Jahren als von einem noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen sich geistreiche Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?«