Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurückgekehrt. Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine Pistole gegen ihn gerichtet.

Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt, wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen begegnen und wo es zum Austrag kommen muß. Da stellen sich Worte ungerufen ein; die Dämonen erheben sich aus dem Schlummer.

Stanhope schellte dem Diener, ließ die Lichter anzünden und Holz ins Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte dabei Caspar: »Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?«

Caspar wußte nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In Wahrheit wußte er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich bloß, daß Frau Quandt ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen hatte, was ihm sehr albern erschienen war.

Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines Menschen, der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was wolltest du damit sagen?«

Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere. Stanhope näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und sagte scharf: »Sprich; sonst wehe dir!«

»Mir ist schon weh genug,« entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.

Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus erzählen, wo er gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben, einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen, den Fluß gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte.

Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoßweise zu reden begann. »Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen? Goddam, ich habe für dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut, Vermögen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich unter Pöbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das Unmögliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch immer meinen Mann, aber ich muß mir verbitten, daß du mich wie den Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schöne Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir forderst, anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir geschiedene Leute.«

Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.