Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah wohl, und mit Angst nahm er es wahr, daß er nicht mehr das willenlose Geschöpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, daß er den Argwohn sogleich fallen ließ. Caspar legte die Hände flach zusammen und sagte nun in seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er habe Stanhope nicht kränken wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt, Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges gewesen sei. »Aber jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das Holzpferdchen lebendig geworden.«
Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war.
»Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden,« wiederholte Caspar bedeutungsvoll.
Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt zu haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten hatte. Er mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten, und jedenfalls begriff er das Wirkliche, das schwer von Gründen Wirkliche seiner langen Gefangenschaft, die ihn, außerhalb der Gesetze, bis über das Jünglingsalter hinaus zum Zustand eines Halbtiers verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden sein, daß es sich dabei um eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen ein hoher, ja der höchste Wert zukam; daß sein Anrecht auf diese Sache ungeschmälert fortbestand und daß, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, daß er lebe, um zu sagen, daß er wisse, aller Widerstand und Willkür zu Ende sei und er besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.
Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fügte sich, daß der Lord selbst, in Angst für sich, für seine Auftraggeber, für die Zukunft, für das ganze Gebäude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es zusammenbrach, vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose Tiefe stürzen mußte, daß er selbst das Wort fand und aussprach, welches dies andre, Größere, Unsagbare für Caspar zauberhaft und schrecklich erleuchtete.
Beinahe fühlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust, gegen eine Macht zu kämpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war und wie der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel verfinsterte. Ich war zu großmütig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut trägt die eigne Haut zu Markt; läßt man die Träumer aufwachen, so greifen sie nach den Zügeln und machen die Rosse scheu; das süße Zeug schmeckt nicht länger, nun gilt es Salz in den Brei zu tun.
Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenüber, und indem er beim Sprechen kaum die Zähne voneinander entfernte und fortwährend düster und blicklos lächelte, sagte er: »Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es dir nicht verübeln, daß du Schlüsse aus meinen, wie ich bekennen muß, ein wenig unvorsichtigen Erzählungen gezogen hast. Ich werde in diesem Augenblicke sogar noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen. Ich will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen aufzäumen, und wenn du dann Lust hast, kannst du es meinetwegen reiten. Ich habe dich nicht getäuscht: du bist durch deine Abkunft den mächtigsten unter den Fürsten ebenbürtig, du bist das Opfer der scheußlichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; hättest du keine andre Instanz zu fürchten als die der Tugend und des moralischen Rechts, dann säßest du nicht hier, und ich wäre nicht gezwungen, dich so zu warnen, wie ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegründet deine Ansprüche, deine Hoffnungen sind, so verderblich müssen sie dir werden, sobald sie dich nur den ersten Schritt zum vorgefaßten Ziele lenken. Die erste Handlung, das erste Wort besiegelt unabänderlich deinen Tod. Du wirst vernichtet sein, eh du noch den Finger ausgestreckt hast, um zu nehmen, was dir gebührt. Vielleicht kommt eine Stunde, morgen oder in einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der Aufrichtigkeit dessen, was ich dir sage, zweifeln könntest; nun, so beschwöre ich dich: glaube mir! Laß deine Lippen siebenfach vernietet sein. Fürchte die Luft und den Schlaf, daß sie dich nicht verraten. Möglich, daß einst der Tag kommt, an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir dein Leben lieb ist, und laß dein Holzpferdchen hübsch im Stall.«
Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein übergewaltiger Schrecken donnerte, vielgestaltig wie die Blöcke eines Felssturzes, um ihn her. Um seine Gedanken anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an Wahnsinn grenzenden Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstände: Tisch, Schrank und Stühle, den Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den krummgebogenen Schürhaken. War ihm dies alles neu oder nur unerwartet? Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon lange um ihn her gebrütet. Aber ein andres das bloße Ahnen und Spüren und ein andres das zermalmende Wissen.
Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit eigentümlich näselnder Stimme fort: »Es hilft nichts; in diesem Zeichen bist du eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren. Das ist das Blut. Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein Führer und dein Verführer.«
Und nach einer Weile: »Laß uns nun schlafen gehen, es ist spät. Morgen früh wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott eine Erleuchtung.«