»Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken,« erwiderte Quandt. Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine Notizblätter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen, die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Gröbsten und nur des Überblicks halber.
»Und das Ergebnis?« fragte Stanhope, wobei die Langweile seine Nasenflügel auseinander dehnte.
»Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!«
Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem »leider« lag ein tiefgefühlter Ton. Es mußte ein Schmerz für ihn sein, daß Caspars Handschrift so viel zu wünschen übrigließ. »Er hat nichts Freies und Zügiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf gespanntem Fuß,« sagte er. Es mußte ein Schmerz für Quandt sein, wenn ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden konnte. »Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht die geringste Vorstellung,« sagte Quandt und fuhr fort: »Im sprachlichen Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre Verbindungen so weit, daß er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-, Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen weiß.«
Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit. »Eine Null wird für ihn bald da, bald dort zum unüberwindlichen Hindernis,« sagte Quandt. Die Lehre von den Brüchen, vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen: ein hoffnungsloses Dunkel. »Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in diesen Dingen am willigsten,« sagte Quandt.
»Wie erklären Sie sich das?« erkundigte sich der Lord mit der Neugierde eines Verschlafenen, den man an den Füßen kitzelt.
»Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust und Verlangen, und es macht ihm Spaß, wenn er es vollendet sieht. Was ihn aber lange beschäftigt, erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich auch verdrießlich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann.«
Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen, Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen, Helden und Entdecker. »Nur die Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn ködern.« Traurig! Und die Geographie? »Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs zu Hause,« sagte Quandt. »Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf. Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.«
Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf ein, daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert erscheine, daß er aber kein großes Gewicht darauf lege.
»Wünschenswert, jawohl,« versetzte Quandt, »und das Wünschenswerte sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten, in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander gedeihen dürfen. Ich glaube, der mächtigste Ansporn für den Hauser ist seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen, kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit ihm durchzunehmen begonnen.«