Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur, bewilligte kurzerhand einen Zuschuß; es wurde vereinbart, daß Caspar einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer erhalten solle.
Um den übeln Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte und demütigte, äußerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden. Stanhope, schon völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. »Es wäre ratsam,« schlug Quandt vor, »Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilübungen zu betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am Gedanken etwas zu verändern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben. So hätten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fähigkeiten.«
Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den Flur, Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er zurück und hielt das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle Gestalt. Es war Caspar.
Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um und sah den Lord beziehungsvoll an.
Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe wenig Zeit, Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er stellte sich, als ob es ihn Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren, dann ging er mit kleinen, wie gezählten Schritten die Stiege hinan. Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person neben der Tür stehen.
Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser möge ihm versprechen, nichts darin zu lesen.
Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung: »Du kannst mir wohl glauben, daß ich ohne deine Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.«
Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel eines Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald auf Caspar. »Was für eine kindische Zeremonie!« stieß er finster heraus. »Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert, deinen papierenen Schatz zu sehen. Soviel ich weiß, wolltest du mir daraus vorlesen; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.«
Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken maß er das mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das Zimmer schweigend verließ, mit einem chinesisch-schiefen, schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben.
»Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf,« sagte Quandt, der den Grafen zum Tor begleitete, »so muß ich gestehen, ich glaube nicht an dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, daß ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.«