»Ja, denken Sie denn, daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat?« versetzte Stanhope schroff.

»Das nicht, aber ...«

»Was also?«

»Je nun, man muß der Sache nachgehen, man muß sich damit beschäftigen, man muß sehen, was dahinter steckt.«

Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies lockte; er wußte, daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er vergöttert worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das Götterbild vom Sockel gestürzt war, um seine Trümmer mußte noch eine reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das Verräterische des Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich die Schergen abfinden.

Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die Ablieferung der Briefe, die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur drei, darunter der gefährliche, geschwätzige, den der Graf zu fürchten hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier. Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann etwas milderen Tons: »Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel ab. Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut an.«

Caspar nickte.

Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal um: »Morgen reise ich.« In der Krümmung seines Mundes lag Überdruß und Grauen. Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Präsidenten zu erwarten hatte er aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er käme erst nach Neujahr.

»Morgen schon?« flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er scheu hinzu: »Was abgemacht ist, das gilt aber?«

»Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.«