Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in belustigtes Lachen aus. »Ich bin sicher, Graf, daß Sie nur, um mich zu necken, eine so falsche Deutung unternommen haben,« sagte sie.
Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. »Wenn ich mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau,« antwortete er galant.
»Um das zu können, müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in Anspruch nehmen,« sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. »Ich müßte Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine beste Freundin ist, und ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu zerstören, in der Sie sich alle befinden.«
Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren.
»Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer mitteldeutschen Residenz,« begann sie mit einer reizenden Befangenheit. »Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre älter denn seine schöne Schwester, für einen Mann von hervorragenden Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und ausschweifend, wußte seine Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der höchsten Stellen des Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des Adels einführte, und er hatte auch die Genugtuung, daß sie nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich sehen ließ.
»Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf eine furchtbare Weise zerstört. Fast zufällig machte der Freiherr die Entdeckung, daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele Hunderttausende von Talern, und daß der Fürst selbst, in Bedrängnis geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war. Der Freiherr wußte sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an. Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Fürsten und mach ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam. Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür und deutete ihm an, daß er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens Mitteilung machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten Landstände zu bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit, eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschluß zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, ließ, trotzdem es schon spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon.
»Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben, aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was mit ihm geschehen war, blieb ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmähte sie es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte, setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses wochenlang die Erde aufgraben mußten, mit Güte, mit List, mit Drohungen beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte etwas wissen. Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen, der sie huldvoll anhörte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich. Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß. Ihres Bleibens an jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands, später sogar in London und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu gewinnen, um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. Stellen Sie sich das Leben vor,« fuhr Frau Imhoff fort, »das meine Freundin auf solche Weise länger als drei Jahre führte, immer unterwegs, immer in Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend. Ein großer Teil ihres Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen verloren. Als sie nun endlich einsehen mußte, daß sie nichts erreichen würde, daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß, ganz im Gegenteil. Sie hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht. Ihre glühende Seele, für den Gedanken der Völkerfreiheit und der Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei Jahren heiratete sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in friedlichem Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland, bald aus Wien, bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. Überall untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes, nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit sachlicher Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze, Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord, daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die Gegenwart das Höchste.«
Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig, ist es nicht prächtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen? Der Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es draußen stürmt und wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen, wenn er sich vorstellt, daß draußen einige Leute ohne Überzieher und Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande, mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.
Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas außerhalb des Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war näher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er plötzlich. Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich Anziehendes. Frau von Imhoff gestand später, daß ihr ein solcher Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich dem Lachen eines kleinen Kindes, nur daß sich eine höhere und reinere Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig, was er sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die zaghafte Frage: »Wie heißt denn die Frau?«
Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.