Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang, behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach außen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein, wie ich’s mir immer eingebildet habe, dachte er.
Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfaßbar wie Schatten, fern wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.
Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis der folgenden Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, daß er tagelang danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand.
Joseph und seine Brüder
Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine Schachtel mit Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem Anzug. Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen. Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar geleitete den Grafen auf die Gasse. Er war bleich bis in die Augen; dreimal umarmte er den Scheidenden und biß die Zähne zusammen, um nicht aufschreien zu müssen, war es doch ein Stück seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm trennte – für immer, das fühlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen Mann wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und Täuschungen.
Auch der Lord war zu Tränen gerührt. Es entsprach seiner reizbaren Natur, sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung zu überlassen. Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwürfen; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurückdrehen; die Kutsche war schon im Fahren, da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel, die beide am Tor standen, mit feierlich hochgezogenen Brauen zu: »Bewahrt mir meinen Sohn!«
Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust. Das Gefährt rollte gegen die Krailsheimer Straße.
Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann; sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, daß sie die Zeit verpaßt hatten. Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen, forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig zustimmte. Hickel bat, sich anschließen zu dürfen.
Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen, als Quandt rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm, ohne zu fragen, weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur folgte, wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt seinerseits machte sich nun daran, das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank öffnen. In der Kommodeschublade fand er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch den Schrank durchstöberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bücher, das Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.
Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner Frau durch die offene Tür zu: »Siehst du, Jette, was ich immer sage: der Kerl hat’s faustdick hinter den Ohren.«