»Ja, es ist des Teufels mit ihm,« setzte Quandt das Lamento seiner Gattin fort; »da hab’ ich neulich einmal aus der ›Bayrischen Deputiertenkammer‹ vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und wie ich fertig bin, liest er den Titel der Zeitung halblaut für sich hin, wie wenn ihn das Wort verwundere. Nun wird aber doch die ›Bayrische Deputiertenkammer‹ in jedem anständigen Hause gelesen, nicht wahr? Außerdem hat er Tag für Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt auf unserm Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmöglich neu sein. Ich frage also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer. Darauf sagt er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein Zimmer, wo man Leute einsperre. Nun bitt’ ich Sie um alles in der Welt, das geht doch über den grünen Klee. Es muß schon ein Engel vom Himmel herunterkommen, damit ich solche Ungereimtheiten auf Treu und Glauben hinnehmen soll, und selbst dann getrau’ ich mich noch zu bezweifeln, ob es auch ein richtiger Engel ist und kein nachgemachter.«

»Was wollen Sie,« antwortete der Polizeileutnant, »es ist alles Schwindel, alles ist Schwindel.« Und indem er sich auf den gespreizten Beinen hin und her wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter, träger Haß.

Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa bloß auf die vorgetragene Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel gleichgültige Treiben der Menschen, sofern es nicht mit seinem Wohlbehagen verknüpft war. Mochten sie sich einander die Köpfe abhacken, mochten sie über Himmel und Hölle, um König und Land streiten, mochten sie ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten sie morden, stehlen, einbrechen, schänden und betrügen oder sich ehrlich rackern und edle Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen der Freibrief für ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach seiner Ansicht schuldig war.

Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens Gefallen hatte, pflegte gern zu erzählen, wie Hickel einst mit seinem, des Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, über die Landstraße gegangen und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte Firmament deutend, angefangen habe, von den zahllosen Welten dort oben zu reden; da habe Hickel mit seinem mokantesten Gesicht erwidert: »Ja, glauben Sie denn im Ernst, Doktor, daß diese hübschen Lichterchen etwas andres sind als eben – Lichterchen?«

Das war nicht etwa bloß Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener Überlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.

Man wußte in der ganzen Stadt, daß Hickel über seine Verhältnisse lebte. Es war sein Ideal, für einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft, elegant zu sein, auch besaß er die feinste Nase für die Echtheit und Legitimität aller damit zusammenhängenden Dinge. Als vor einiger Zeit seine Aufnahme in den vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte man lange gezögert, denn er war keineswegs beliebt und außerdem war er von niedriger Abkunft, seine Eltern waren arme Kätnersleute in Dombühl; schließlich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe einiger erschlichener Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den betreffenden Persönlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein früherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefühl gegen ihn bezeichnenden Ausdruck, indem er versicherte: »Er decouvriert sich nicht; dieser Hickel decouvriert sich nicht.« In der Tat hatte es stets den Anschein, als ob der Polizeileutnant mit etwas Gefährlichem im Hinterhalt bleibe.

Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Präsidenten zu stellen. Er durfte sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten zu sagen, die liebenswürdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber nichts waren als verzuckerte Bosheiten. Er besaß eine nicht zu leugnende Geschicklichkeit im Erzählen amüsanter Histörchen und mancherlei einlaufenden Stadtklatsches. Dies ergötzte Feuerbach und stimmte ihn für vieles andre nachsichtig. »Rätselhaft,« sagten die Leute, »was der Staatsrat an dem Hickel für einen Narren gefressen hat.« Jedenfalls fand der Polizeileutnant stets williges Gehör bei Feuerbach, und mit Schlauheit ließ er sich dafür gern gefallen, daß der Präsident in seiner bärbeißigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel tadelte und seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick sozusagen in den Wurzeln entblößte. Ist es nicht wahrscheinlich, daß gerade dies den Präsidenten verführte und verstrickte? Indem er so klar die Leerheit und Düsterkeit dieser Seele durchschaute, hatte er sich vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr, um sie von sich stoßen zu können.

Hickel wußte den Präsidenten nach und nach zu überreden, daß man Caspar nicht so frei wie bisher herumgehen lassen dürfe, und es wurde als Wächter ein alter Veteran bestellt, der einen Stelzfuß hatte und einarmig war. Dieser Wackere faßte seine neue Obliegenheit sehr gewissenhaft auf und folgte Caspar auf Schritt und Tritt zum Gelächter der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte richtig spekuliert, wenn die so fürsorglich aussehende Maßregel dazu dienen sollte, die Bewegungsfreiheit des Jünglings möglichst zu hemmen. Es gab Beschwerden über Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem Invaliden, den Caspar nicht selten überlistete, indem er sich heimlich davonstahl.

Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing, seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. »Was soll es nutzen, geduldig zu sein!« rief Caspar trotzig, »wird ja doch immer schlechter!«

»Was es nutzen soll?« versetzte der Pfarrer mild. »Was nutzt es Gott, daß er unserm unsinnigen Treiben zuschaut! Durch Geduld führt er uns zum Guten. Geduld bringt Rosen.«