»Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,« zeterte Quandt, bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an hab’ ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab’ ich Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.«
Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an; es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort.
Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse. »Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?« inquirierte er.
»Ja.«
»Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?«
»Gehen Sie jetzt, Caspar,« schnitt der Präsident das Zwiegespräch gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar draußen war, an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.«
»Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.«
»Na, na,« machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.
»Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,« schloß Quandt mit beschwörender Stimme.
Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden, dann – Friede.