»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«
»Das glaube ich nicht.«
»Doch.«
»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken. Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«
Caspar senkte ergeben den Kopf.
»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer – lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«
Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.
»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen,« fuhr Quandt mit düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden, Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll. Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«
»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter greisenhafte Falten entstanden.
Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen das Geheimnis entreißen.