Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.
»Ich will Ihnen entgegenkommen,« sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben?«
»Wer? Der, bei dem ich gewesen.«
»Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht. Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen falschen Namen angedichtet und wie heißt du mit dem Namen, den du in der Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, zur Sühnung des verübten Trugs?«
Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze Welt verkehrte sich ihm.
»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die verschlossene Pforte zu sprengen.
Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«
Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!«
Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete, krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.
Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich recht gehabt habe?«