All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte ein befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend.

»Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran andre sich umsonst die Zähne ausbeißen,« erwiderte Hickel, ebenfalls mit dem heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist lustig: um den Finger gewickelte Hitzköpfe, haha!«

Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen. Der Polizeileutnant ließ sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls lange überlegen,« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht gerade sonderlich drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem Zustand von Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was das bedrohliche Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine Pause.

Stanhope fühlte, daß er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig.

»Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine halbe Stunde Gehör schenken wollen,« antwortete Hickel mit einer Unterwürfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu sagen haben, ist nicht unwichtig, muß aber keineswegs noch heute gesagt werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfügung.«

Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr Polizeileutnant,« sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab.

Hickel biß sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem Grafen nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging dann leise pfeifend über die Straße. Plötzlich drehte er sich um, verbeugte sich höhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie wenn Stanhope noch vor ihm stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.«

Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung äußerte er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen Starrsinn verbleibe, werde er es als vorsätzlichen Affront auffassen und abreisen.

Er sagte das mit so lauter Stimme, daß einige danebenstehende Herren und Damen es hören mußten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff, die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie blickte herüber und sagte etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich traf ihn spät nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war, zum ›Stern‹ zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?«

»Ich verließ mein Hotel um acht Uhr,« antwortete Stanhope.