Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach Hause zu bringen. Da sie der Weg vorüberführte, ließ Stanhope beim »Stern« halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.
Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt unnachahmlich gestreckt, näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen Gebäude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war durch eine Diamantschließe gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel des Wegs zurückgelegt hatte, hörte er eine brüllende Stimme aus dem Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen, dachte er, verfärbte sich, blieb stehen und schaute unwillkürlich zurück. Es war so neblig, daß er seinen Wagen nicht mehr sah.
Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne daß geöffnet wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme in Tönen wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug Bedenken, weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein Frauenzimmer stürzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine gedrungene Gestalt mit mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den Präsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaßen vor dem zornverzerrten Gesicht, den gesträubten Haaren und der durchdringenden Stimme, daß er wie angewurzelt stehen blieb.
Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag gekommen? Nichts von alledem. Bloß ein stinkender Qualm zog durch den Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es denn ein gar würdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der Gescholtenen von neuem raste, die Zähne fletschte, mit den Füßen stampfte und sich vor Bosheit überschrie.
Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich vornehm räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von dem lächerlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und bat nachsichtig lächelnd um Entschuldigung, wenn er störe.
Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner jähen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und Mund, und auf einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem Beschämung, Selbstironie und irgendeine gemütliche Versicherung lag, kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und überlegenen Klang.
Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen in ein großes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von außerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe anzuführen, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, daß er einen Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen könne, zumal ihm schätzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet hätten, deshalb habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.
Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, daß er Seiner Exzellenz nicht habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese Stunde zu den höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei.
Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast rührend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits stellte vollendet einen Mann der großen Welt dar, der vielleicht zum erstenmal befangen ist.
Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte, eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege, Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei ihm um so merkwürdiger erschienen, als er ja wisse, daß Herr von Tucher den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren, die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen und hören wollen.