Im Tone größten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den Menschen nur den Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht,« sagte er geringschätzig.
»Das ist nun so,« versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem Bürgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, daß Ihnen Caspar überlassen werde. Ein solches Ansinnen muß ich gänzlich und ohne Bedenken abweisen.«
Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er blickte unablässig auf die Füße des Präsidenten, und als ob ihn das Sprechen Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen, Exzellenz, vor Augen führen, daß Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist. Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine Schützer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen, die das Schicksal selbst für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird bezahlen können, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer wucherischen Zinsenabgabe würde und er, ein Junger, ein Wachsender, der er ist, sein Dasein für sich verzehren muß, ist er waffenlos ausgesetzt. Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert wurde, nur noch bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.« (Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es dünkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt zerstampften Rasen setzen zu lassen.«
Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiß, das alles ist mir bekannt,« antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiß. War doch sein erstes Auftreten derart, daß man einen durch ein Wunder auf die Erde verlorenen Bürger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.«
Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über seine Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts etwas wie eine atavistische Rechtfertigung,« fuhr er in kühlem Plauderton fort. »Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und floh in ein Grabgewölbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich mit erstohlenen Brocken. Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.«
Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die Länge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Größe in seiner Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu willfahren, Herr Graf,« sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem Spiel, daß jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgründen kauernden Dämonen des Verbrechens ein Recht zu entreißen und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür entgegenzuhalten, daß es auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt werden.«
Der Lord nickte wieder – doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte er. Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte, daß gegen diesen Willen zu kämpfen, der sich wie Unwetter verkündigte, ein aussichtsloses Mühen sein würde, und wenn es ein Beschluß über ihm war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreißen wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?«
»Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müßte!«
»Und wenn er verblutet, ohne daß Sie Ihr Ziel erreichen?«
»Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.«