»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir atmen eine unheroische Luft, Freunde.«

Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.

»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann, ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu überzeugen.«

»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und Schwarz gewinnt.«

»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der Bankhalter diktiert die Einsätze.«

Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen körperlichen Schmerz.

Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.

Der Tempel von Apamea