»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«, versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum. Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm, bis sie beide sterben.«
»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief Franziska.
»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar, und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon Geschichte oder Gedicht.«
Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen. Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig, sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten, von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg, und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann, dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war, erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen Juden versprach.«
»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte. Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien, als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten, so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn; plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich, ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt, wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau, bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«, sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge macht es stutzig.«
»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«, antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas ärgerlich hinzu.