»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender Heiterkeit.

»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«

»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst. Stimmt die Gleichung?«

»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska.

Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«, entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«


Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen zerfleischt worden wäre.


»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten konnte, still zu stehn.«

»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.