So öffnet denn die dunklen Kammern
und strömt hervor wie Gottes Schar,
es soll mich heute nicht mehr jammern,
daß gestern Nacht und Grausen war.
Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,
du seufzend hingestrecktes Land,
genug der ungehörten Reden,
setzt nur das alte Haus in Brand.
Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
von eurer Not klagt Dorf und Flur,
den stolzen Henkern keine Gnade,
zerschmettert Höfling und Pandur.
Der Feige mag vergebens zittern,
der Held macht seine Brüder kühn,
und aus zerbrochnen Kerkergittern
wird neue Welt und Zeit erblühn.
Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« »Geschrieben hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?« »Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten durcheinander.
Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die übrigen begriffen, was im Werke war;
»Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
von eurer Not klagt Dorf und Flur;
den stolzen Henkern keine Gnade,
zerschmettert Höfling und Pandur!«
sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander, und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.
Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.
Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht. Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur Flucht.
Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.