Paterner

Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«, murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben können.«

»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte Franziska.

»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.

»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«, wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen –«

»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.

»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht mehr an die Nerven als ans Gemüt.«

»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch. »Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«

»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den Streit.

»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja, ja, – es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht. Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass’ ich es auch auf, wenn Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler sind feurig.«