»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort: Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte. Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die Illusion einer Dauer?

Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu. Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach, sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner die ganze Landschaft.

An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.

Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht es weiter oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. – »Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald entwurzelt wird«, war die Antwort.

Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte, fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren, verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.

Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab. Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah, weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von alledem.«

Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht. Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern, das ist ihrer und unserer nicht würdig.«

»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«, entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch. Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit, Schönheit und Schmerzlosigkeit.«

Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an. Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.

Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf, das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender, stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und Verantwortung.«