»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.
»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel, erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte, eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«, erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf, als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen, Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen, deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen. Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann. Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards. Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden können.«
»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend. »Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider Leute machen.«
»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht, plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der eigenen Kraft gewiß sein.«
»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg. »Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen, untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord. Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.«
»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet. Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie. Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land, und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte, und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge sie erkennt.«
»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.«
»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg, »und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen, sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran, die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«
»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.«
»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht hätte ersinnen können.«