»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene versprach eine gutartige Wendung.
»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung, die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends, während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede: »Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand, dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr. Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren, es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei: Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten, daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären, hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer, seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er erhob sein Glas und sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren. Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.«
»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind. Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen, eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für sich selbst.«
Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die Geschichte der beiden Maler.
Nimführ und Willenius
Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete, war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur bezwungen wurde.
Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner, greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen, Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts. Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons, der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus. Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen, sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich; und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das Verworfenste von allem: den Dilettantismus.