»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.


Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen, gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte, im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden. Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt; sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe Schwierigkeit, – Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt, und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt, und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten, sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten, aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«, der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem, was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe unverbrüchlich aneinander gebunden waren.«


Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.«

»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch nicht so materiell wie der zarteste Mann.«

»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß. Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«

»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte? Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau, ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«

Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen, daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert worden war.