Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser, unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr, daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter. »Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches, dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde, brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor, der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne. Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum, daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah, dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg. Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte, ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«, redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel auszusprechen, die –« – »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen? Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes. Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust, daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen. Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken, den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die Menschen nicht, er ist sich selber genug.«

Begegnung

»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum, kann ich eigentlich kaum erklären.«

»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für Würde«, entgegnete Borsati.

»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.«

»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,« fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland haben so mächtig werden lassen.«

»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint. Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand geküßt, äußerte er: ›Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er leben darf.«

»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte, fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte, unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen, ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche, was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu: »O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht, der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen Paradies.«

»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner Wiege erwürgt worden.«