»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen, sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten. Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt. Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels zertrampelt wird.«
»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.
»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu spät.«
Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien jubelten sie, – der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre. Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der Neuschnee von den Häuptern der Berge.
Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete. Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter, Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,« sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen. Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska seine Hand ergriff und küßte.
Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht. Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten, und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie auf die Arme heben und forttragen mögen.
Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten, verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt, die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage.
Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen, an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich gehe eben, man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist.
Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe.
Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen, eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung zwischen diesen Teilen.«