Und er begann.

Die Geschichte
des Grafen Erdmann Promnitz

Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt, blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau, der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde, Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern.

Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen, Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch, verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein Spielgenosse bei ihm aus.

Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch, wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite, lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche europäische Tournee antreten durfte.

In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten, streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein.

Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab’ ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf gewesen, du Menschenvater Adam!

Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher Haubenstock.«

Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war. Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen.