Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen, nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug, erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen seines schwarzen Geistes.

Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten, welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung, ihm die Welt lecker zu machen.

Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei, daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:

»Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,
Alles würd’ von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.
Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher,
Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.«

Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den Schluß hinzu:

»Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,
Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.«

Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden Profil eines traurigen Schafes.

Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen, und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden erfüllte Weib.

Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts, hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße, wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte.

Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal, daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. Der Graf war’s zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen. Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«