Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.
»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«, sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«
Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird. Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn, die Ewiggeplagten, die Erdmänner.
Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.
»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die Zahlen tyrannisieren den Kopf.«
»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte, wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin. »Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir, deinen Kometen.«
»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«
»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«
»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«, fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.
»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«